
The House Of The Devil
Are you not the babysitter?
Im West(en) nichts Neues, aber viel Altbewährtes
Merken wir uns den Namen Ti West. Nicht nur für später, nicht nur fürs nächste Jahr, aber langfristig gesehen könnte dieser Mann – der da etwas befremdlich in knalligem Rot, mit Knarre und Rotzfänger auf seinem Profilfoto posiert – eine Filmographie hinlegen, derer man dankbar sein muss. Zutiefst dankbar, für die kleine Ehrenrettung eines Genres, das ja per se schon ein wenig untot wirken muss.
Die Karten liegen offen auf dem Tisch. Kurze und knackig wirft The House Of The Devil Auflösung, möglichen Spannungshöhepunkt, Wendung und was nicht alles in die Anfangsstatistik, so und so viel Prozent satanische Kulte, so und so viele Prozent glauben an Regierungsarbeit, die fleißig vertuscht, die obligatorischen wahren Begebenheiten, die nicht ganz aufgeklärt sind – schocken mittlerweile auch nicht mehr, was hat man die letzten Wochen und Monate nicht für Scheißdreck vorgesetzt bekommen, der einfach nur authentischer, weil „unter Umständen so stattgefundener“ Scheißdreck sein wollte.. oh Graus? Oh Graus, in der Tat, aber auf eine bessere Art und Weise, die schon ein wenig überraschend kam.
Sie war jung und brauchte das Geld..
Life’s a bitch, manchmal auch eine nervige Wohnheimmitbewohnerin, die Socken an die Türklinken hängt um zu signalisieren, dass ein sexueller Vorgang um Ruhe erbittet. Mit einem Kontostand von 84$ macht Studentin Samantha (Jocelin Donahue) keine großen Sprünge, doch irgendwie muss die Miete kommenden Montag überwiesen sein weil ein unschlagbares Angebot einer sehr entgegenkommenden Frau bezahlt werden will. Geld muss her, Lebensfreude muss her und eine neue Frisur..ach halt, es sind ja die 80er, da rennt man eben in hautengen Jeans, mit dicken Pullis Marke Eigenbau und Walkman durch die Gegend. Ein kurzfristig entdeckter Job als Babysitter soll die akute Geldnot besänftigen, doch es braucht nicht viel spitzfindiges Gehör, um allein anhand des Telefongesprächs zu erkennen, dass da etwas sehr faul sein muss.
Hin und her, irgendwann begleitet ihre verwöhnte – aber nicht minder unglückliche – Freundin Megan (Greta Gerwig) sie als Fahrdienst in spe mit einem beißenden Kopf voller Gewissensbisse.
Etwas ist faul im Hause Ulman
Babysitterin für kein vorhandenes Baby, dafür für eine „eigenständige“ Großmutter Ulman, ein kautziges Ehepaar mit einer Vorliebe für sichere Autos der Marke Volvo und Pelzen, ein riesiges Haus in einer abgeschiedenen, noblen Gegend und nach mehrmaligem Aufwandsaufschlag satte 400$ für knappe 4 Stunden „Fernsehen, Pizza bestellen und Musik hören“ – verlockend, doch selbst Blondchen Megan warnt ihre verzweifelte Freundin, dass das einfach zu gut klingen muss..
Machen wir kein Geheimnis draus, Filmposter, Anfangsstatistik und endlos gestreute Seitenhiebe steuern auf ein infernales Ende hin, wo eine verzweifelte Babysitterin in die Fänge von satanischen Kultisten gerät und mit Handfesseln, Blutopferdarbietung und Satansgeburt einen eklatanten Stimmungswechsel einläutet. Zunächst, und das eine lange und vermutlich zu lange Zeit für 85% der „Besucher“, nimmt sich West Zeit für Sams problemreiches Leben, für zahlreiche Kameraeinstellungen auf einsamen Fluren, windige Straßen und vergebliche Aufmunterungsversuche bei Coke und Burgern.

The House Of The Devil - Lunar Eclipse
Drum sei ganz still, mein Kind weil nun die Zeit beginnt. Da kommt der Blitz, der uns erschlägt bis wir unsterblich sind (
Untoten – Blutmond)
Nachdem aber diese Formalitäten mehr und mehr der bibbernden Epiphanie einer umhergeisternden Sam weichen müssen, schlägt das Haus des Teufels andere Töne an. Der Score ist sparsam, lauthals und prägnant wie Messerstiche in Gegenden, die langsam und schmerzhaft ausbluten, die gewohnten Perspektiven sind altvertraute Klassiker, die ihre Wirkung über die Jahre nicht verfehlen, die Spannung ist eine unangenehme, mit einer Priese aus freudiger Erwartung (als Genrefreund) und purem Herzrasen (als bekennender Angsthase) baut sie sich mehr und mehr auf, bis da schließlich ein wahres Höllenfeuer der Eindrücke entfesselt wird. Suspiria Lite lässt grüßen, der Exorzist flimmert in Bruchteilen von Sekunden als Erinnerung durch den Hinterkopf, die Benommenheit der Gefangenen überträgt sich mit Leichtigkeit auf die des Zuschauers und ja, dieses unangenehme Gefühl der Hitze zwischen den Ohren, diesem Gefühl die Welt nur durch Watte zu hören und zu fühlen und wie langsam die eigene Wahrnehmung nicht mehr die eigene Wahrnehmung ist.. all das ist Ohnmacht, Ohnmacht in filmischer Perfektion umgesetzt und im besten Moment in blutrote Rache, Flucht und Emanzipation verpackt.
Wo ein Pizzamesser, da auch ein etwas rötlicher Weg
Die Vorbilder sind zahlreich, wenn auch nicht immer von Vorteil, jedoch ist West eine erstaunlich eigenständige Sache gelungen, wo doch eigentlich nur Altbekanntes in einem körnigen B-Movie-Anstrich neu aufbereitet wurde. Aber wie, das ist das A und O, die in Blut getauchte Sam wirkt beklemmender als das hirnlose Franzosengemetztel À l’intérieur, das Exorzistengeflimmer ist sparsam und klug eingesetzt und ja, der Fieberwahn à la Suspiria.. der kommt in den wenigen Minuten, in denen The House Of The Devil auf die Pauke haut, wie ein Fieberschub bis in die letzte Nervenzelle.

The House Of The Devil - Grandma Ulman und ihr Opfer
Filme wie The House Of The Devil gibt es nicht jedes Jahr und das ist einerseits schade aber anderseits auch gut so; denn was wäre so eine Ehrenrettung schließlich wie ein ewiges Comeback eines roten F1-Piloten? Eben, obsolet und vernachlässigbar. Hier aber hat West sich eine bemerkenswerte Hausnummer gemeißelt, die handwerklich mit Leichtigkeit auf „herausragenden“ Sphären schwebt und irgendwie – vielleicht auch gerade wegen – alle Transparenz ohne Augenzwinkern und Entschuldigen zugibt. Soviel Transparenz und Geradlinigkeit bei einem Horrorfilm, der sich Rot, Rot und nochmals Rot auf die Fahne geschrieben hat; vielleicht auch ein sinniger Wegweiser in Richtung Schwarz-Geldb.