You don’t have to be sober to be able to weigh spinach.
Manchmal sind es auch die Lieder, die einem nicht aus dem Kopf gehen. Einzelne Sätze, nur Passagen eines Liedes, wie erschreckend vortrefflich passen und “Boys Don’t Cry” einen noch bitteren Nachgeschmack verleihen, als es die Tatsache über die wahre Begebenheit und die kaltblütige Nüchternheit tut, mit der Kimberly Peirce das tragische Leben von Teena Brandon auf die Leinwand wirft.
Es sind diese Sätze “Did I wait too long or can I make it right” oder “Another dream that ended way too soon”, die schön gesungen eine so grausame Sache untermauern.
Hilary Swank (Million Dollar Baby, The Black Dahlia, Freedom Writers[...]) macht ihre Sache – Oscar sei es genehm – glaubwürdig, egal welche Seite dominiert. Von den anderen sind zwar keine auffälligen Schwächen hervorzuheben, aber das ist auch nicht wirklich nötig, da die Brutalität und die Verrohung, die Teena aka Brandon treffen keine Stilmittel benötigt. Es benötigt keine Helden, die sich zwischen Kugeln werfen, keine Mauer von Klage-Streichern und auch keine auf Hochglanz polierte CGI-Effekte-Welt, die eine ganzen, zusammenbrechenden Traum darstellt.
Viel mehr ist es diese natürliche Bestie, die hinter der grausig netten Fassade zum Vorschein kommt. Eine Mutter, erst beste große Freundin, Saufkumpanin und immer ein bisschen tüdelig, später beweist sie mit 2 einfachen Buchstaben, einem Wort, wie sie doch in Wirklichkeit dem Unbekannten, dem Fremden und dem, womit sie nichts anfangen kann gegenübersteht; It. Oder eben es. Sie will “es” nicht im Haus haben. Vorbei ist die Gastfreundlichkeit, die Gelassenheit und die Bewunderung für Brandons attraktives Gesicht, selbst in schwersten Momenten, wo sie sich scheint, zu fangen, begeht sie größte Fehler und denkt nur um ihren eigenen Horizont herum und trägt so mindestens eine nicht unübersehbare Mitschuld am Desaster, ausgeführt von 2 kranken jungen Männern, wobei neben ihrer Krankheit auch der ausgiebige Lebensstil und die an(aso)zialisierte homophobische Ader Anlass gewesen sein dürften.
Ein Versuch der Selbstfindung, der unter keinem guten Stern steht. Auf Lügen aufgebaut, die anfangs noch Notlügen und Notwehr waren, war das Ganze Leben zum Ende hin nur eine einzige Lüge. Irgendwo aber auch sehr verständlich. Als Frau geboren zu werden, sich dennoch als Mann zu fühlen, kann man – damals – und auch nicht heute – als unproblematisch ansehen, wenn es um das Miteinander geht.
“Another town another hotel room” – das Leben, wie es anfangs beschrieben wird. Mit der Gruppe um die Häuser ziehen, Alkohol vernichten und einfach Spaß haben, Rennen fahren und sich mit der bösen Bullerei (eigene Anmerkung: ich kann es nicht mehr hören, sehen) anlegen. Ein nicht wirklich spektakuläres Leben, ein bisschen die Gratwanderung zwischen den beiden Städten aber das war es.
Das läuft so vor sich hin, ohne nennenswerte Ereignisse. Vielleicht wird einmal im Nebel klar, dass wenigstens eine Person Aggressionsprobleme besitzt. Aber ansonsten geht “Boys Don’t Cry” sehr gemächlich und langsam vorwärts.
Bis es eben zu dieser Explosion an Ereignissen kommt. Es brauch nicht mal wirklich viel, die Grausamkeit erschreckend unmenschlich wirken zu lassen. Hysterisch kreischende Mütter, die ihre pseudo-Moral verwerfen, rumbrüllende Besoffene und zwischendrin der einsame Funken der wahren Liebe, die trotz Lanas Toleranz und Brandons Entschlossenheit keine Chance zum Bestehen hat.
Noch so ein Punkt, der niederschmetternd zu Buche schlägt. “Where did I go wrong” Wird gesungen. Wo sind die Fehler zu suchen? Bei Brandon, der viel zu lange geschwiegen hat und die wahre Liebe in ihren Augen nicht erkannt hat? Lana? Die dann wohl nicht so evident gewirkt haben kann? Nein. Bei weitem nicht.
Der Fehler sind die anderen. Ja, es ist Gesellschaftskritik, wie sie bald im Kinderbuch steht, jedoch führt kein Weg an ihr vorbei. Und so deprimierend es auch ist, was bringt einem die Hoffnung, der eine Funken an Liebe, der zwischen den beiden langsam, jedoch stetig entflammt, wenn um sie herum nur tobende Wellen der Ignoranz, Oberflächlichkeit und Engstirnigkeit tanzen? Rein gar nichts.
Ferner vermag so auch der Teufelskreis entstehen, schließlich verbirgt Teena ihr wahres Geschlecht nicht aus schlechtem Grund, wie bereits erwähnt, fühlen sich dann noch die Asozialen vom Dienst (mir fällt kein praktischerer Begriff für die ein) überrumpelt und in ihrer Privatsphäre, gar in ihrem Leben verletzt fühlen, ist es – trotz Aufklärung und ach so stark propagierter, vermittelter und angewandter Toleranz – eben nur ein Traum, der viel zu schnell enden musste.
Und genau dieser Traum wird durch “Boys Don’t Cry” vermittelt. Anfangs wirklich etwas schläfrig, wartet die bittere, sehr bittere Realität schon im Nebel.
Boys Don’t Cry – IMDB
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