You know what you can do with that watch? Stick it up your arse!
Er mag Beethoven, er trinkt “milk plus” und lebt sein Leben in vollen Zügen aus, raubt, vergewaltigt, verprügelt, demoliert und mordet mit seiner Bande, den “Droogs”. Das ist Alex und Alex wird uns den ganzen Film über erzählen, wer er ist, was er macht, warum Ludwig Van einfach dazugehört und wie er ironischerweise Opfer eines Heilversuches wurde, der jedoch mehr als fatale Folgen nach sich zog.
Kubrick – spaltend wie eh und je – benutzt schroffe Methoden, die pervers faszinierend wirken, um die rücksichtslose Kritik an einer Politik, die das Individuum für eigene Zwecke ausschlachtet und quasi opfert, vollends zur Geltung zu bringen.
Die Gesellschaft scheint so unschuldig. Es muss diese Bande sein, die das friedliche Leben immens stört, die in Häuser einbricht, wehrlose Ehepaare überfällt, misshandelt und bis in den Rollstuhl & den Tod treibt. Trotz dieser Unschuld schwebt ein unbehagliches Gefühl mit, denn die Menschen, die sich zivilisiert und integriert verhalten, erhalten wenig Tiefgang, werden in eine Milchbar projiziert, wo es vor Plastiksex nur so wimmelt – gleich neben den Anarchisten mit Suspensorium und Melone.
Nur diese Flegel setzen sich über das “home sweet home” hinweg und sehen ihr Handeln als gelungene Abwechslung an. Nichts Großes ist geplant. Man ist nur in der Hierarchie einig, dass Alex sowas wie ein Alphatier darstellt, große Banküberfälle oder sonstiges sind ihm aber ein Dorn im Auge, schließlich kann er sich jederzeit nehmen, was er braucht. Autos wachsen auf Bäumen, um es blumig, wie die “Droogs” eben sprechen, auszudrücken.
Und so erzählt uns Alex mehr und mehr. An fast jeder Stelle prallen seine beschönigenden Beschreibungen mit den gewalttätigen Bildern zusammen und werden durch die musikalische (sowas von gelungene) Untermalung sosehr in die perverse, ambivalente Ebene verschoben, dass man sich anfangs nicht entziehen kann, den Schock gleichzeitig mit der voyeuristischen Befriedigung kompensieren zu versucht und erst nach mehrmaligem Schauen die mehrfachen Ebenen dieses Handelns erfahren kann.
Man möchte es nicht glauben, dass der Mensch vom Innern her so handelt, ohne wirkliche Beweggründe zu besitzen. Jeder kennt Rache, jeder weiß, dass Rache etwas Schlimmes ist und dennoch verspürt jeder fühlende Mensch, sofern er nicht am emotionalen Nordpol oder der menschlichen Wüste verloren gegangen ist, in seinem Leben Dinge wie Rache und Hass. Umso schlimmer, dass man das Handeln von Alex in keine dieser Schubladen pressen kann. Milk plus, die gängige Droge dient nur zur Anstachelung, die Ausführungen, ja, eigentlich die fast schon künstlerische Inszenierung der Raubzüge und Überfälle verbleibt bei den Droogs, vornehmlich bei Alex.
Wirkliche Anhaltspunkte, warum Alex “böse” ist, werden nicht gegeben, eher das Gegenteil ist der Fall. Ein behütetes Elternhaus, liebende Eltern, die erst später an den Pranger gestellt werden, die Möglichkeit zur schulischen Ausbildung und kulturelles Interesse scheint auch vorhanden zu sein. Das alles sind Punkte, die gegen das Böse im Menschen sprechen, die sein auflehnendes Verhalten mehr als Erfüllung des monotonen Lebens hinstellen.
Ein bisschen teuflisch guckt er ja schon. Eine Frage nach Moral muss man bei ihm nicht stellen, da jegliches Bewusstsein fehlt, bis er durch die aversiv-konditionierende Ludovico-Technik mit Paradebeispielen seines Tuns konfrontiert wird – obendrein mit Ludwig Vans Musik, der 9. Symphonie. Das Resultat, nachdem Alex es zuweit trieb, einen Penner verprügelte, einem Mann die Frau nahm, den Mann zum Krüppel machte, seinen Bandenmitgliedern die Leviten las, zu “William Tells Overtüre” Sex auf Zeit praktiziert, eine andere Bande aufmischte[...], schließlich von seiner Bande verraten wurde, festgenommen wurde, zu 14 Jahren Knast verurteilt wurde, sich heuchlerisch beim Bibelprediger einschleimte, um als Testperson für die Ludovico-Technik ausgewählt zu werden, ist ernüchternd und erschreckend zugleich. Die Technik war von Anfang an zweifelhaft und die Konfrontation hat Alex per se nicht zum guten Menschen gemacht.
Was da nach einigen Tagen aus der Klinik entlassen wird, kann man nicht mehr als Mensch bezeichnen. Noch weniger als vorher, so grausam seine Vorgeschichte jetzt auch sein mag. Aufgrund von Konditionierung und dadurch eingeimpften Ekel der “unerwünschten Verhaltensweisen” ist er nicht mehr in der Lage, sich zu wehren. Jegliches Aufblühen von gewalttätigen oder sexuellen Gedanken führen zur Aversion, die er wie den Tod durch Ertrinken beschreibt. Ekel, Atemnot und der Wunsch zu sterben.
Die Menge applaudiert, als die Testresultate in einer theatralische Show dargeboten werden. Was da geschieht, ist auch nicht mehr moralisch vertretbar und steht in jedem Gegensatz zu den Zielen, die man sich eigentlich gesetzt hat. Wie ein Tier im Zoo wird Alex auf die Bühne geholt, um von einem Schauspieler grundlos provoziert und attackiert zu werden. Das aufkeimende Unverständnis, was sich beim ehemaligen Schläger zur inneren Wut entwickelt, ruft sofort die eingetrichterten Impulse auf den Plan – er ist wehrlos und muss sich demütigen lassen. Das Gleiche Spiel mit einer nackten Frau, die auf die Bühne kommt und sich vor ihn stellt. Das sexuelle Verlangen und sein Trieb sind vorhanden, werden jedoch ohne Umschweife vom inneren Moralapostel niedergeknüppelt und in das unangenehme Gefühl des Ertrinkens umgewandelt. Die Menge klatscht – und man lacht, dass die edlen Herren sich mehr von der Frau und ihren Reizen, als von dem soeben präsentieren Ergebnis haben beeindrucken lassen.
Ein einziger, großer Zirkus, mehr nicht, denn der Innenminister instrumentalisiert Alex den ganzen Film über – anfangs als das “ultimative Böse”, was jegliche Wert- und Moralvorstellungen überschreitet, soll er geheilt werden und als soziales Gesellschaftsmitglied wieder integriert werden respektive sich integrieren lassen. Der Gefängnispastor ist der einzige Mensch im ganzen Raum, der einen Hauch an Ahnung von Menschlichkeit besitzt, nur leider kommt diese Erleuchtung zu spät und es interessiert niemanden mehr, dass Alex zu einem konditioniertem Uhrwerk ohne eigenen Willen, ohne autonomes Empfinden und Handeln gemacht wurde. Das einzige, was wirklich zählt, ist, dass die Kriminalität bekämpft wird. Da überfüllte Gefängnisse Aufwand bedeuten, ist es eben an der Zeit, dass die Störenfriede an der Wurzel entfernt werden. Wenn an dieser Wurzel reinzufällig noch andere Sachen hängen und mit entrissen werden, bedeutet das für den Einzelnen eine ganze Menge, denn was könnte es schlimmeres für einen Fan Ludwig Vans zu geben, als bei seiner 9. meinen, ertrinken zu müssen? Für die Gesellschaft und die angeprangerte Öffentlichkeit bedeutet seine innere Verstümmelung und Reduzierung nicht viel, auf der einen Seite verständlich, wenn man die Gesellschaft wieder in die einzelnen Mitglieder aufspaltet und dort das zugefügte Leid betrachtet – in der Gesamtheit aber ergibt sich quasi eine Kollektivschuld, denn als “soziales Wesen” sollte es jedem einleuchten, dass die Menschenwürde und der freie Wille, die untrennbar verbunden sind, nicht zu verletzten sein dürfen, wenn man schon von einer besseren Lebensatmosphäre spricht.
Was in der Vorführung nur abstrus und nicht wissenschaftlich wirkt, wirkt in der von Kubrick kalt inszenierten Realität zu einem Alptraum. Opfer können Schuld vergeben. Können aber auch auf Rache aus sein. Und Alex’ Opfer sind auf Rache aus. Vom Penner angefangen, der mit Verstärkung über ihn herfällt, hinüber zu den liebsamen Eltern, die den Platz ihres Sohnes mit einem netten Untermietet ersetzt haben, die geschundenen Bandenmitglieder, die sich ironischerweise in der Polizei etabliert haben und ein Paradebeispiel für Polizeiwillkür im Kontext der Rache abliefern. Dim (dim heißt übrigens soviel wie trübe und dunkel.. quasi geistig umnachtet, was ja hervorragend gespielt wird) hatte schon eine Art Warnung ausgesprochen (“I don’t like you should do what you’ve done and I’m not your brother no more and wouldn’t want to be. “) doch wer nicht hören will, muss eben ins kalte Wasser springen gehalten werden.
Gebeutelt von bitteren Erfahrungen – unfähig sich zu wehren, torkelt Alex weiter. Es ist wie in einem “schlechten” und bösen “Groundhog Day”, wenn Schlüsselsätze sich wiederholen (“Who on Earth could that be?”) und schon bekannte Orte aufgesucht werden, wenn “home”, wo Alex einst wütete zu einem Ort der Bedrohung wird, wo ein alter Mann im Rollstuhl fürchterliche Rache nehmen wird und Alex in den versuchten Selbstmord (oder doch Freitod) treibt.
Was folgen, sind Dinge, die Alex unweigerlich in die Rolle des Opfers zwängen. Eine unmenschliche Therapie, “Wegkonditionierung” und Unterdrückung der eigenen Entscheidungsfreiheit, durch komplettes Ausblenden der negativen Seite. Der eine Politiker, der für Alex’ “kaputtes Uhrwerk” verantwortlich war, stellt sich ohne mit der Wimper zu zuckend auf gut Freund mit ihm – die Instrumentalisierung nimmt kein Ende. Und irgendwie schon komisch. Am Anfang ein Monstrum im negativen Sinne, nach der “Heilung” ein Monstrum im bemitleidenswerten Sinne und am Ende? Ein integriertes Monstrum, das sich mit seinen Ecken und Kanten anscheinend wunderbar in die “neue Gesellschaft” integrieren lässt – eine Vergewaltigung in der Menschenmenge, oder doch nur eine Show, die zur sichtbaren Belustigung des feinen Volkes beiträgt?
“I was cured all right” – Heilung von der Heilung, auch eine Art der Heilung. Denn mal ganz ehrlich, ist 666 nicht böse? Man beachte die Nummern der Ex-Droogs und Jetzt-Polizisten und wer da in der Mitte mitgeschleppt wird.
Es wird also wieder so weitergehen. Jetzt eben mit einer anderen Betrachtungsweise, jetzt dient es wieder der Politik, ist dementsprechend toleriert und akzeptiert und dient der Unterhaltung im unterhaltenden Sinne – “panem et circenses” goes ultra-violence and sex.
Insofern kann man “A Clockwork Orange” auch wundervoll als utopische Fragestellung ansehen. Was würde man bevorzugen; eine Menschheit, der alle Möglichkeiten zur Gewalt entzogen werden? Wer dürfte darüber entscheiden? Müssten das wirklich alle über sich ergehen lassen – was ist mit denen, die diese Utopie erschaffen müssten, wer würde die heilen und was ist mit unbedarften Seelen, die im Prinzip keine Veranlagungen zur Brutalität haben können? Würde es nicht schon wieder kontraproduktiv sein, Kinder der Aversion zu unterstellen? Was, wenn ein einziger nicht auf die Therapie anspringt? Ein Hai unter Fischen? Und wären wir dann überhaupt noch Menschen wenn wir a) über den Willen anderer entscheiden würden und b) unser Denken und Handeln strikt in eine Richtung zwingen würden?
Mag sein, dass Kubrick auch hier sehr spaltet, schließlich wirft er jene Fragen auf, prangert die Glorifizierung der Gewalt an und bedient sich ebendieser. Das muss nicht jedem schmecken und wird auch – viele Jahre danach – nicht jedem schmecken. Mir schmeckt es. Ich mag bitter. Und “A Clockwork Orange” ist für mich der Favorit. Mag sein, dass für viele “der Zeitgeist” und der Schrecken entwichen ist, wenn heute andere Maßstäbe für Gewalt gelten – die Gretchenfrage ist aber in meinen Augen noch so stark vertreten, dass es nicht auf die “lustige” Darstellung der Gewalt ankommt.
Was gibts denn noch zu sagen? Die Musik hat ein eigenes Kapitel verdient. Beethoven meets Synthesizer & Wendy Carlos. Eine Pervertierung. Schönste Klänge verfremdet, so wie die Kunst über die Brutalität verfremdet und dennoch stilisiert wird. Beides zusammen sind Gegensätze, die den “Charme” des Films ausmachen. Schock durch Faszination, Schock durch die “schöne” Darstellung der schlechten Dinge, Verwahrlosung der “normalen, guten Umwelt” und die langsame Entlarvung der Moralisten, die an ihren eigenen Prämissen gescheitert sind und sich stillschweigend, mit erhobener Fahne und viel Konfetti und Applaus auf die andere Seite schlagen. Fast schon eine Notwendigkeit, Alex’ Urzustand wiederherzustellen, damit der wahren Bedrohung Einhalt geboten wird oder ihr zumindest ab und an der Atem geraubt wird.
A Clockwork Orange (Uhrwerk Orange) – IMDB
(Bilder sind der Dvd von Warner Bros. and Polaris Productions Inc. entnommen. © 1971.)





Ich hab das im Buch so verstanden dass diese Ludovico Technik am Ende abgeschafft wird und Alex eines der wenigen “Opfer” bleibt. Da die Regierung gewechselt hat und sie dieses Verfahren nicht weiterführen will…
Buch und Film unterscheiden sich doch aber oft und grundlegend, oder?
Kann auch sein, dass ich geistig abwesend war aber der “Politiker” war doch der gleiche, war am Anfang für eine Bekämpfung der Kriminalität und war dementsprechend für die Ludovico-Technik
Dann dreht sich alles, alle bekommen mit wie schlimm das ist und er muss sein Fähnchen wieder nach dem Wind richten
er wird “geheilt”, also wieder zu dem Menschen gemacht, der er ganz am Anfang war
Und die Schluss-Szene verstehe ich so, dass es jetzt von allen gefeiert wird, “Mensch zu sein”, mit allen Pros und Kontras – scheiß Voyeure.. die wir ja aber auch durch den Film geworden sind
Ups, na gut. Ich bin ganz am Ende auch kurz eingenickt ^^ Dann hab ich genau die Szene verpasst. Ich hab mich jetzt nur noch an das Ende des Buches erinnert.
Immerhin hast du es gelesen :klatsch:
Wie immer (ich wiederhole mich, ich weiß) eine sehr scharfsinnige Analyse des Films, der auch meiner Meinung nach nichts von seiner Kraft (nach über 35 Jahren) eingebüßt hat. Einzig die Kostümierungen(zb Alex in dem Plattenladen mit den beiden Mädels) sind nach heutigem Geschmack schrill und zeigen etwas vom Swinging London der späten 60er Jahre. Wobei mich die Kamerafahrt ihn dem Laden jedes Mal wieder umhaut, so perfekt ist die. Auch das Mobiliar mancher Wohnung und andere Äußerlichkeiten wirken heute etwas befremdlich, fand ich persönlich. Aber die Auseinandersetzung mit dem Thema “Gewalt”, wenn auch hier manchmal satirisch, ist weiterhin hochaktuell.
Und danke, Uwe, für das Ansprechen des Titels “A Clockwork Orange” in deinem Artikel. Ich habe bei der Nachbesprechung den Hinweis völlig vergessen, wie dieser Titel zu verstehen ist. Innen wie ein Uhrwerk nach genormten Regeln tickend und außen angenehm wie die Schale einer Orange, so “designed” wollen wir uns die Menschheit wirklich nicht wünschen!
Man dankt beschämt, irgendwann nicht mehr soviel Lob einheimsen zu werden
Ich nehme die grandiose Sitzgelegenheit des Ehepaares mit. Der Rest kann in der extrem fragwürdigen Modewelt verbleiben und kleinen Eliten zugänglich gemacht werden
Vollste Zustimmung, dass die Behandlung der Gewalt hochaktuell ist und bleibt. Die Darstellung mag durch Epochen wandern und sich wandeln, die behandelte Problematik im Kern bleibt aber die gleiche, da der Mensch ja auch keine innere Metamorphose oder so durchmachen wird.. vermute ich mal, dass unser Kern auch in 100 Jahren noch der gleiche sein wird.
Bitte bitte, fiel mir aber auch nur “nebenbei” ein, fast schon zu offensichtlich wenn man die 2000 und eine versteckte Raffinesse betrachtet
Notiz an mich: bei der nächsten Vorführung von ACO den Text durch den Google Translator jagen und ausgedruckt unters Volk mischen :freu:
:gruebel:
Hi,
klasse Text, hilfreich auch, gratuliere.
Bei mir steht eine Facharbeit über das Buch an. Ich habe mir ein Konzept ausgedacht, das den “Freien Willen” im Bezug zur Religion, Philosophie, Wissenschaft, etc. beeinhaltet. Ich möchte auch soviel wie möglich aus dem Buch entnehmen. Ein problem ist, dass meine Quellen sehr gering sind. Ein paar links wären sehr hilfreich. Ich hoffe es kann mir jemand weiterhelfen…
Mach weiter so…