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Barry Lyndon

A lady who sets her heart upon a lad in uniform must prepare to change lovers pretty quickly, or her life will be but a sad one. This heart of Lischen’s was like many a neighboring town and had been stormed and occupied several times before Barry came to invest it.

“Barry Lyndon” ist wohl der zahmste Film Stanley Kubricks, keine bissige Aufführung der stilisierten Gewalt sondern viel mehr eine bis ins Detail bildhübsche, barocke Geschichte vom Aufstieg eines Einzelnen und seinem – durch altbekannte menschliche Gier, Egoismus, Wut, Zorn und Hass hervorgerufenen – Fall.
Der Ire Redmond Barry (Ryan O’Neal) liebt seine Cousine Nora Brady, diese jedoch wirft sich dem englischen Offizier Capt. John Quin um den Hals. Damals war es noch so, dass man als Mann seine Ehre durchsetzen musste – RTL II sagt dazu heute “Zeit für ein Duell”. Das Duell kommt zustande, Redmond ist zu Tode erschrocken, Quin scheint umgepustet worden zu sein. Von ihm. Ein kurzer Besuch bei Mutti, die bereitwillig das Ersparte rausrückt, alles Gute wünscht und schon befindet sich Redmond auf dem Weg nach Dublin, wo er nach feinster englischer Manier ausgeraubt wird. (Also wenn ich überfallen werden, dann bitte auch auf englische Art und Weise!)
Ohne Geld, ohne Pferd.. wo treibt es den jungen Mann hin? Zur englischen Armee, die zufällig im Siebenjährigen Krieg1 mitwirkt. Also auf nach Deutschland, gegen Frankreich ins Gefecht. Dann kommt das, was vernünftige Menschen sich denken können: Krieg ist blöd, ich will hier weg. Deserteur Redmond bahnt sich, getarnt als Offizier mit wichtiger Botschaft im Gepäck, seinen Weg ins neutrale Holland (Holland..neutral.. mein blumiges Geschichtszentrum würde sich fast zu gerne zu Wort melden) und scheitert. Eigentlich scheitert er nicht direkt, er trifft nur auf die vortrefflichen Preussen. Offizier von Potzdorf begleitet in ihn “nach Bremen” (so gab er an) und entlarvt ihn schließlich als Lügner und verpflichtet ihn für sich bzw seinen Onkel, der “Minister of Police” in Berlin ist. Das Ausspionieren des mysteriösen, irischen Chevalier de Balibari (Patrick Magee, A Clockwork Orange), der ein Spion sein soll.
Redmond und der Chevalier treffen aufeinander; Redmond ist zu angetan von ihm, beichtet seinen Auftrag und füttert die Potzdörfer mit belanglosen, aber detailreichen Informationen – genießt währenddessen aber auch das Doppelleben mit dem Chevalier, welchem er auch beim Kartenspielen hilft.
Es kommt der Tag der Flucht, man verlässt Preußen und zieht als falschspielendes Duo durch die Gegend. Redmond verguckt sich in “baroness Lyndon”, deren alter Ehemann Sir Charles Reginald Lyndon bald die Welt verlässt. “To make a long story short, six hours after they met, Her Ladyship was in love. And once Barry got into her company, he found innumerable occasions to improve his intimacy,and was scarcely out of Her Ladyship’s sight.”
Man heiratet, Redmond heißt jetzt “Barry Lyndon”, lebt in Saus und Braus auf Kosten von Lady Lyndon, versteht sich nicht gut mit dem Sohn Lord Bullingdon und.. lebt so vor sich hin.

Das war quasi der 1. Teil des Films. Der 2. Teil handelt von den Bemühungen, einen Adelstitel zu erlangen, von der verschwenderischen Attitüde, die Barry Lyndon und Mutter im Hause Lyndon an den Tag legen, von der gewaltbestimmten “Vater”-Sohn-Beziehung und der Geburt von Bryan Patrick Lyndon.
Lord Bullingdon treibt es eines Tages auf die Spitze, provoziert einen dramatischen Auftritt und Abgang während einer musikalischen Veranstaltung, stellt Liebe zwischen Barry und Lady Lyndon in Frage und kündigt an, das Elternhaus zu verlassen – jedoch nicht ohne vorher noch einmal Prügel zu beziehen.
Die Chancen auf den Adelstitel sind verflogen, man distanziert sich von Barry Lyndon und die wachsame Mutter mahnt, dass er jeden Tag ohne Penny dastehen könnte. Der Schuldenberg wächst, Sohn Patrick stürzt vom Geburtstagsgeschenk Pferd und stirbt, Lord Bullingdon kehrt zurück und fordert ein Duell: satisfaction.
Nach dem Duell muss Barrys Unterschenkel amputiert werden, Lord Bullingdon hat derweil alles in die Wege geleitet, um ihn aus England zu treiben – zwar nicht ohne Rente – aber ohne Lady Lyndon.

Das waren sie, die 177 Minuten “Barry Lyndon”, alle urkomischen (ja, urkomisch!) Momente extra ausgespart, um bloß keine Überraschung vorwegzunehmen. Die angeprangerte Langatmigkeit kann ich nicht nachvollziehen, denn ich würde es so sehen: beim 1 Mal ist es viel zu interessant und undurchschaubar, um sich zu langweilen. Danach folgen die kläglichen Versuche, auf jedes Detail zu achten, mal mehr hier, mal mehr da. In den 177 Minuten wird soviel gezeigt und in Szene gesetzt, dass es eine wahre Wonne ist. Immer mit dabei das Hauptthema, ein zu allen Momentan passend umfunktioniertes Tanzstück, die “Sarabande”. Passt immer, ob es jetzt die zur Schaustellung der prunkvollen Paläste ist, die innig-distanzierte Beziehung, die vom Blickkontakt lebt oder der Trauerzug bei einer Beerdigung, das unheilvoll dumpfe “Cover”, was Unheil verkündigt oder die locker-flockigen Klänge, wenn mal Grund zur Freude sein sollte; Sarabande an jeder Ecke, zu jeder Zeit und immer ins barocke Weltbild passend.
Sowieso, Stein passt auf Stein, es stört nicht wirklich, dass Deutschland und Lieschen England entsprungen sind, es ist “nur” lustig (sowas von lustig), wenn man die englischen Untertitel zur gesprochenen deutschen Sprache mitliest.
Der Film hat eine unnachahmliche Bildsprache, der sich nicht auf Musik und Sprache stützen müsste, es aber dennoch tut und damit ungeahnt intensiv wirkt – wenn dank 0,7er Objektiv und purem Kerzenlicht die Gesichter noch fahler und wachsartiger wirken, als sie es durch den pompösen Tand sowieso schon tun, dann weiß man, dass er sich was bei dem Aufwand gedacht haben muss, dann erscheinen die endlos gestreckten Minuten richtig am Platz, zur richtigen Zeit in einen kurzen Knall aufgelöst, wie es bei den Duellen vorkommt.
Die Duelle, an sich schon eine ganz eigene Geschichte; um die Ehre soll es gehen, Ehre soll wiederhergestellt werden und was wird beim Duell getan? Betrogen, manipuliert und abgesprochen, dass es eine wahre Freude ist, die “edlen Männer” durch die kühle Kamera vorgeführt zu bekommen; wenn dann auch mal ein Friedenssymbol davonflattert, dann ist das wahrscheinlich auch kein Zufall, sondern eine Bemitleidung dieser armseligen Wichte, die mit immer verrückteren Regelwerken “die Ehre” vertreten.
Vielleicht auch nur ein kleiner Zeitvertreib, schließlich hat man nichts zu tun, wenn man in der obersten Schicht lebt. Große Räume, mit allerlei Möbeln zugestellt und dennoch viel zu riesig für die einsamen Einzelnen, die in diesen Gemäuern ihr kärgliches Dasein fristen, sich fest strukturierten Verhaltensschemata unterwerfen und unter ihren Kostümen und geschminkten Gesichtern jegliche Gefühlsregung unterdrücken. Auch die musikalische Ausdrucksweise verbleibt nicht, wie ein schwerer Schleier klingt das Klavier mit den Streichern zu einem endlosen Nebel, der sich träge und undurchsichtig über alles legt, den man nicht durchdringen kann, der die Gedanken in einen Strudel stürzt und nur den Außenstehenden wirklich faszinieren kann.
Klar, Kubrick wäre nicht Kubrick, wenn der Mensch an sich auch eine Rolle spielen würde, immerhin geht es um einen Mann, der alles erreicht, was man sich so wünschen kann und schließlich (fast) alles verliert. An der obersten Spitze, zum Greifen nahe ist der Adelstitel und die finanzielle Unabhängigkeit.. schwups, das latent inzestiöse Verhältnis zwischen Mutter und Sohn, stellvertretend für die geballte Macht des “richtigen Adels” wird ihm zum Verhängnis. “Barry Lyndon” verlässt an dieser Stelle etwas die Sicht auf das Einzelne und leitet den Blick auf die gesamte Gesellschaft, um sie am Ende daran zu erinnern, dass jeder noch so angehäufte Reichtum vergänglich ist, dass auch ihr Regime ein Ende finden wird und dass schließlich die Egalité Einzug halten wird.
Eine Geschichte aus einer anderen Zeit, ein Querschnitt durchs 18. Jahrhundert, zynisch angerissene Geschichtsstunde und ein Blick auf durchlässige soziologische Ebenen, die zwar aufnehmen, aber auch durchfallen lassen können. Die scheiternde Gier des Einzelnen als Mikro-Parabel für das Makro-Opfer Gesellschaft: Memento Mori, Leute.

So bissig das jetzt alles klingen mag; mit etwas Geduld ist “Barry Lyndon” gut verdaulich, wunderhübschestens anzusehen, die Faustschläge dröhnen richtig fein und auch der Klangteppich lullt gekonnt ein, anstatt zu erdrücken. Wer verstört sein möchte nach diesem Film, sollte sich die letzten Szenen genau angucken und aufs Datum achten (frei nach dem Motto “equality is coming to town”) – ansonsten dürfte ich noch auf unfreiwillig komische Szenen à la “Körperhaltung”, “Lieschen” und Konsorten verweisen. Und natürlich den Krieg, der eigentlich, so wie er an einer Stelle dargestellt wurde, nichts mehr mit Krieg zu tun hatte, viel mehr einer englischen Parade ohne Teepause glich. Egal wie, Hauptsache vorwärts, marschierend und mit Stil erschossen werden; der Einzelne ist sowieso ersetzbar, und bei Kubrick fallen wie beim Schach die Bauern eben zuerst, auch wenn die Bauern den Krieg austragen.

Barry Lyndon – IMDB

  1. “It would require a great philosopher and historian to explain the causes of the famous Seven Years’ War in which Europe was engaged and in which Barry’s regiment was now on its way to take part. Let it suffice to say, that England and Prussia were allies and at war against the French, the Swedes, the Russians and the Austrians.” []

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Abgelegt in Achtung Unterhaltung, Verspohlisierend.

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2 Reaktionen

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  1. GANGSTA KOKAIN sagte

    oje, wo bin ich denn hier gelandet? ich habe bei google nach drei strumpfhosen gesucht.

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  1. Uwe » 2001: A Space Odyssey (Odyssee im Weltraum) linked to this post on Sa, 22. Dezember 2007

    [...] eine Spur Barock und dennoch so steril, dass es schon wieder zu futuristisch wirkt, um in Barry Lyndon nicht aufzufallen. Was hier stattfindet, will Bowman wohl selbst nicht glauben. Er kommt mit seiner [...]



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