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Stanley Kubrick: Fear and Desire – Von Krieg, Menschen und ihrer Angst

There is war in this forest. Not a war that has been fought, or one that will be, but any war. And the enemies who struggle here do not exist, unless we call them into being. This forest, then, and all that happens now is outside history. Only the unchanging shapes of fear — and doubt — and death — are from our world. These soldiers that you see keep our language and our time, but have no other country but the mind.

Natürlich wäre es moralisch alles andere als vertretbar, wenn man eine Brücke zwischen “Krieg ist grausam” und “Kubricks 1. als letztes gucken ist grausam” schlagen würde. Es hat dennoch etwas sehr Gegensätzliches, nach all der elaborierten Spitzfindigkeit jetzt “back to basics” zu gehen. In die Anfänge, quasi ans Urquell der Kubricks, wenn man mal seine Kurzfilme und Dokus “Day of the Fight” (1951), “Flying Padre” (1951) und “The Seafarers” (Wie Fear and Desire 1953) außen vor lässt.
(Es ist recht problematisch, um nochmal auf die ungewöhnliche Reihenfolge zu sprechen zu kommen. Auf der einen Seite mag man keinen mit einem Experiment wie “Fear and Desire” gleich am Anfang verschrecken, auf der anderen Seite ist es eine Glanzleistung, nach allen anderen Kubricks sowas wie eine Erwartungshaltung zu unterdrücken. Man könnte auch übertreiben und sagen: wer sich an 2001 ergötzte, die kontroverse Stilistik vom Uhrwerk genossen hat und den legendären Ritt auf der Bombe bestaunte, der wird hier etwas suchen müssen, zumal zu einer Zeit von Marilyn Monroe und “Gentlemen Prefer Blondes” Technik und Kubrick noch einiges an Fortschritt zu verzeichnen haben werden.
Das Thema Krieg, wie es schon “Paths of Glory”, “Spartacus”, “Dr. Strangelove” “Barry Lyndon” und “Full Metal Jacket” auf ihre Art und Weise umsetzten, ist fern und nah zugleich. Es ist irgendein Krieg, der historisch nie stattgefunden haben muss und dennoch auf jeden Krieg übertragbar ist – egal in welchem Land, egal um was. Genauso egal sind da die Menschen, die den Krieg vorantreiben, als Befehlshaber und Waffenträger agieren und früher oder später als Kanonenfutter enden; mit Glück auch wieder in die Heimat, welche Heimat auch immer, zurückkehren können. Die Soldaten in “Fear and Desire” haben Namen, einen Hauch einer Vorgeschichte und sowas wie Träume. Das war es aber auch schon, der restliche Mensch ist inhaltsleer und eben drum gut auf andere Situationen übertragbar – Kubrick belässt es bei zwei elementaren Grundtrieben, die beide eine zeitlos gewaltige Wirkung auf den Menschen, egal in welcher Zeit er auch gelebt haben soll, ausüben können: Fear – Angst und Desire – Begierde/Verlangen/Wunsch, wie auch immer.

Inhaltsangabe (wer plant den Film zu schauen, der sollte wohl.. drumherum lesen, wobei ich eh wieder mischen werde, dass sich die Balken biegen werden. Also warne ich mal ganz einfach: Eingelesene wissen, dass ich nicht darum bemüht bin, Überraschungen der Ü-Filme zu bewahren, da es sich quasi nur um persönliche Nachworte handelt. Nicht mehr und nicht weniger. Deswegen auch nochmal vorweg: kein Anspruch auf empirische Richtigkeit und selbst ich mache Fehler. Da unten gibt es sowas wie Kommentare, da kann man nett etwas sagen, dann bin ich auch nett. Wer Rechtschreibfehler, Zahlendreher u.ä findet darf sie nicht behalten sondern muss sich melden. Bitte. Bitte bitte. Ganz ehrlich bitte.)
Wie oben zitiert und schon erwähnt; irgendein Krieg, irgendein Wald, nur wenn es nötig ist, wird der Feind sichtbar und auch die Soldaten sprechen nur zum Verständnis Englisch und sind an kein Land gebunden; nur an die eigene Vorstellungskraft. Soweit der Erzähler, der uns nach der kurzen Darstellerliste einen Überblick verschafft, worum sich “Fear and Desire” drehen wird – im Bild der unbewegliche Wald und Berghänge. Mit dem Erwähnen der Soldaten, “die unsere Sprache beibehalten”, erscheint die vierköpfige Truppe – wobei das eher nach einem Standbild/Foto aussieht, ich mich aber jederzeit von besseren Augen belehren lassen möchte.
Die Namen, die hier draußen im Wald eigentlich irrelevant sind: Sargent Mac (Frank Silvera, Killer’s Kiss), Lieutenant Corby (Kenneth Harp), Private Sidney (Paul Mazursky, Why Do Fools Fall in Love) sowie Private Fletcher (Stephen Coit, The Long Goodbye) – 4 Soldaten hinter den feindlichen Linien. Aber was ist der Feind, außer der nüchternen Betrachtung, dass er Helm, Uniform, Waffe und Hass in sich trägt und auf die 4 Soldaten schießt? Er ist nicht mehr, er ist nur so präsent wie es die Situation erfordert, offenbart wenig bis keine eigenen Züge und erst recht kein Handlungsmotiv – die Angst vor dem Unbekannten und Unerwartetem, die der Mensch durch Kategorisierung und Klassifizierung in Form von Namensgebung, Wahrscheinlichkeitsberechnung und Gott weiß was noch für Dinge versucht zu bändigen, bricht im Wald, wo die Wahrscheinlichkeit, jederzeit auf den unbekannten Feind zu stoßen, unberechenbar scheint.
Die Soldaten befanden sich anscheinend vorher in einem Flugzeug, das vom Himmel geholt wurde. Mit einfachen Mitteln, die man im Wald finden kann, nämlich Stock und “bemalbarer” Boden wird eine Situation so simpel und erschreckend zugleich erklärt: die Front ist da hinten, wir sind aber weit weit im feindlichen Territorium und sollten zusehen, dass wir in einem Stück, mit Kopf und ohne blaue Bohnen im Körper da raus kommen.
Der Fluchtweg soll über einen Fluss führen. Auch Soldaten wollen keine nassen Füße haben und sich erkälten, deswegen wird ein Floß gebaut, auf welchem man gemütlich gen friedliches Land schippern soll. “Nebenbei” entdeckt man noch 2 Häuser. Ein gut bewachtes, wo ein feindlich gesonnener General “wie ein König”(?) diniert; das andere Haus ist nur leicht bewacht, wird von den Soldaten “erobert”, die sich gleich über das Essen hermachen. Im Haus bleiben ist keine Alternative, da zu viele Schüsse gewechselt wurden und man sie entdecken könnte – also wieder zurück in den Wald.
Am nächsten Tag treffen die Soldaten auf einheimische Frauen, die mit Keschern am Fluss entlang gehen. Erst verstecken sie sich vor den Frauen, eine Frau kommt näher, hört einen Ast knacken, kommt richtig nahe – Blickkontakt – und schon ist sie geladener Gast der Männerrunde, versteht aber anscheinend kein Wort und ist bis auf einen Versuch eines Nachsprechens eher schweigsam und redet mehr mit ihrer Gestik die wohl weniger “Desire”, aber umso mehr “Fear” ausstrahlt. Private Sidney, der Grünschnabel der Truppe, wird damit beauftragt die Frau zu bewachen (stehend an einen Baum gefesselt. Nicht mal sitzen?), während der Rest am Floß werkelt. Eigentlich hat Sidney einen sehr humanen Eindruck gemacht, versuchte sie durch Witze aufzumuntern, mimte einen dickbäuchigen General nach und guckte die Frau (Virginia Leith, The Brain That Wouldn’t Die) auch sonst eher großherzig und erwartungsvoll an. Blöd nur, dass da wohl sowas wie eine Sprachbarriere existiert, denn die Frau guckt nur, erwidert keinen Witz, lacht nicht, guckt sich nur um und schaut ihn mit ängstlichen und vielleicht auch hasserfüllten Augen an. Als Sidney bemerkt, dass seine Nettigkeiten wirkungslos bleiben, kommt “Desire” in der übelsten Form: ausziehen und naja.. was wohl?
Doch soweit wird es nicht kommen; die Frau wird “befreit” und ergreift binnen Sekunden die Flucht, Sidney rutscht aus(?!) und fleht sie an, nicht zu gehen. Da diese ihn aber immer noch nicht versteht und weiter flieht, erschießt er sie kurzerhand. Da stieß wohl “Desire” auf “Fear” und endete in “Tragedy”, he?
Und mal wieder dreht es sich um diesen General, bei dem sogar ein Flugzeug steht. Eigentlich die Gelegenheit, wenn da nicht die vielen Wachen wären, das Flugzeug nur ein 2-Sitzer wäre und überhaupt, 2 Grünschnäbel und 2 Erfahrene gegen eine Übermacht, wie auch immer das gehen soll.
Jetzt erzähle ich mal annähernd so weiter, wie der Film an einigen vielen Stellen geschnitten war. Streit, Diskussion, Einkesselung von vielen Seiten, Mac wird angeschossen, General verwundet, Soldaten tot, Mac geht aufs Floß und treibt ein bisschen rum, Sidney stößt dazu, Lieutenant Corby ist ein feiges Schwein und erschießt den verwundeten und am Boden kriechenden General der “I surrender” wimmert. Fletcher und Corby fliehen mit dem Flugzeug. Die Soldaten vereinen sich später wieder, Mac tot. Alle ganz arg betroffen, doch Mac wollte ja was Großes leisten im Leben. Ganz groß, diese Aktion, vom Floß aus gegen einige viele Soldaten um die Wette zu schießen. Aber man sollte dankbar sein für diese Schlüsselmomente, die nämlich ganz klar zeigen, dass der Wald, die ganze Atmosphäre und eigentlich der ganze Krieg am Nervengerüst zerrt und man dort anscheinend trotz taktischer Schulung sehr vernunftsresistent handeln kann. Und dabei sprach man noch davon, als die Frau gefangen genommen wurde davon, sich doch nicht wie die wilden Tiere zu verhalten.
Naja. Ob die das eingehalten haben? Immerhin ein Haus überfallen, auf “bestialische” Art die Soldaten umgebracht, um sich das Essen anzueignen.
(Für das animalische taucht auch gerne mal ein Hund auf, der erst die Soldaten erschreckt und dann dem General zuläuft(?).)
Dieser Kampf war sehr.. zwiespältig. Auf der einen Seite übertrieben zerhackstückelt, dass selbst der Versuch, dort die Zerrissenheit und Verstandesausetzer hineinzuinterpretieren, sehr sehr schwer fallen dürfte. Dann waren da auch noch Sequenzen, die an die gängigen Zeichentrickserien erinnerten. Ich erinnere zum Beispiel an die Episode der Simpsons, wo Bart und Lisa durch das Itchy & Scratchy Studio gehen und der Flur inklusive Putzfrau immer wieder wiederholt wird. “Fällt ja eh keinem auf”. Da wird es aufs Korn genommen, andere Serien bedienen sich dieser Variante um Zeit/Geld/Arbeitskräfte zu sparen. Weil wir wissen ja auch seit dem Simpsonsfilm, wie viele Hände da schuften durften. Nun, auf jeden Fall sitzt beim General ein debil grinsender Herr, der immer wieder ein Gläschen leert. Immer wieder und wieder.
Das Sterben an sich ist auch eine Kunstform, die ich so noch nie gesehen habe. Schuss, Schnitt, toter Körper am Boden. Das würde ja eigentlich bedeuten, dass der Schnitt die Menschen umbringt und nicht der Schuss…? Na, das würde zu weit führen.
Also auf jeden Fall; abgehackte Sekunden. Gerne auch mal eher sinnentfremdete Shots auf die Gesichter, dann wieder ein Faustschlag ins Gesicht (oder in die Kamera?!), im Haus davor greifen die Hände der Verprügelten dann noch in ihr Essen, was irgendwie nach einer abartigen Graupensuppe ohne bunte Beilage aussieht (ha.ha.) und dann noch ein bisschen an schlechte Gedärme aus einschlägigen Trashern erinnert.
So grausam das ist, so “lustig” das umgesetzt wurde – wahrscheinlich war die Wirkung zur damaligen Zeit eine ganz ganz andere – es zeigt nichts anderes als Menschen, die sich nicht mehr Menschlich verhalten und fern ihrer gewohnten Umgebung, hinter feindlichen Linien ums Überleben kämpfen und da moralische Fragen ganz weit hinten anstellen. Dass Angst auch Misstrauen und Egoismus hervorrufen, dürft auch nicht neu sein und somit könnte hinter jeden weißen Fahne noch eine Pistole hervorschauen. Also doch besser erschießen um die eigene Haut in Sicherheit zu bringen.

“I guess I’m not build for this”
“Nobody ever was”

Aber so ein bisschen Menschlichkeit, zumindest die Einsicht, dass dieser Krieg Spuren in den Gedankengängen hinterlässt und dass man diesen Gräuel nicht immer stand halten kann, das ist doch schon mal was, was diese Überlebenden aus diesem einen Krieg, der irgendwo, zu irgendeiner Zeit stattfinden kann, mitnehmen. Schwacher Trost, aber immerhin noch im Stande getröstet zu werden (man nannte es lebendig) im Gegensatz zu denen, deren Schaltkreise eher durchgebrannt sind und die übertriebenen Patriotismus in Verbindung mit Inhaltslosigkeit zu einem unüberlegten Kamikaze-Einsatz getrieben haben.
Ein schwacher Trost auch, dass das Ende wie der Anfang ist, nur diesmal ohne beruhigenden Erzähler, der den Horror auf eine nicht reale, sondern eine allgegenwärtig-fiktionale Ebene verlagert. Ein stillschweigendes Ende, ein sich schließender Kreis und der Auftakt zu Kubricks anderen Filmen, die doch alle etwas mit Menschen und auch sehr oft was mit Krieg in vielerlei Form zu tun haben, sei es der reale Krieg wo sinnlos sogenannte Verräter hingerichtet werden, sei es der Krieg gegen innere Dämonen die in einem Familienvater das Schlimmste zum Ausdruck bringen oder seien es kleine Mädchen mit Feuerwaffen, die “waschechten” Soldaten das Fürchten lehren. So augenschmerzend “Fear and Desire” streckenweise ist, so hohl und platt die Charaktere und ihre Entwicklung im Endeffekt sind (was die “Allgegenwärtigkeit” teilweise legitimiert), so flach die Spannungskurve auch sein mag, da man heute einfach andere Maßstäbe an Kriegsfilmen gewöhnt ist; “Fear & Desire” ist kein Film, den man hassen muss. Aber auch kein Film, den man auf einem Floß bis in den Tod verteidigen muss.

Vielleicht war die Reihenfolge so wirklich besser. Vielleicht gerade deswegen, weil bei Kubrick Ästhetik und Grausamkeit so poetisch miteinander verbunden sind und dennoch einfach nur emotionslos und kalt auf menschliche Abgründe zeigen. Genau deswegen ist es am Besten, das 1. “große” Experiment eines aufstrebenden Spalters am Ende zu betrachten. Vielleicht muss diese Qual von Augen, Ohren und Lachmuskeln sein, um die nächste Ebene des Verständnisses zu erreichen, vielleicht ist ein unbewusster Katharsis-Effekt enthalten, der einem erst später bewusst wird. Aber eigentlich..tippe ich mir lieber mal selbst an den Kopf, soviel in so wenig rein zu denken. Kann ja nicht sein. Da kriege ich das, was nach dem Film ja auch allgemeingültig ist: ANGST!


Fear and Desire – IMDB

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