
Eine richtige Erleichterung für Cannes, als man anhand “Der junge Törless” einen filmischen Beweis dafür erhielt, dass die Deutschen von ihrem starren Blick zurück in die Vorkriegszeit und zu den Heimatfilmen wo alles schön und in Ordnung ist, langsam aber sicher Abstand nehmen. Volker Schlöndorff, der die Vorlage mit dem vielsagendem Titel „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ zum Film „Der junge Törless“ gemacht hat, hält nicht viel von schönen Landschaftsaufnahmen, einer heilen Welt oder perfekten Menschen, sein Blick geht viel weiter, durchbricht die Fassade der schön wirkenden Landschaft, mit Häuschen, Bahnsteig und Gleisen und begibt sich stattdessen in die häusliche Institution, die ohne feste elterliche Reglementierung trotzdem irgendwie versuchen soll, den zusammengescharten Individuen sowas wie Norm- und Wertevorstellungen sowie eine gehörige Portion Wissen fürs Leben (oder auch nicht) zu vermitteln. Glaube ist alles, selbst für die Mathematik, so ein Lehrer.
Man könnte auch einfach sagen, dass „Der junge Törless“ von einem Internat für Jungen handelt, man könnte auch erwähnen, dass die Geschichte zu einer Zeit spielt, wo die Donaumonarchie existierte1 und dass auf nicht mal 90 Minuten Handlung so viele mal mehr mal weniger dezente Symbole und Interpretationsebenen zu finden sind, dass einem sich das leicht überraschende Ende quasi wie ein Befehl aufdrängt, sich durch den Kopf gehen zu lassen, was man da eigentlich gesehen hat, wenn sich 2 Internatsbewohner an einem weiteren vergehen, weil dieser aufgrund eines Diebstahls “in ihrer Schuld steht” und der Zögling Törless mehr oder weniger zwischen den Stühlen sitzt, zwischen Ekel und Faszination nicht entscheiden kann und in einer neutralen Position verbleibt, die nur verstehen möchte und jegliche Grausamkeit wegen des Verstehens zulässt.
Anselm von Basini (Marian Seidowsky) schuldet einem Mitschüler Geld, bittet um Aufschub und stiehlt. Dies wiederum wird von den Mitschülern Beineberg (Bernd Tischer) und Reiting (Fred Dietz) bemerkt – anstatt es der Schulleitung zu melden, erpressen sie Basini. Um Stillschweigen zu wahren, muss Basini sich von nun an erniedrigen und misshandeln lassen; wird immer wieder aufs Neue gequält und gefoltert.

Für damalige Verhältnisse sicher ein Unding, so rigoros auf Gewaltdarstellungen und seelische/körperliche Grausamkeiten zu zeigen; heute wahrscheinlich “nur noch” FSK 12. Da wird eine Maus unnötig mit Rauch eingenebelt und an die Wand geworfen, da wird die Haut gestochen oder der Wasserstrahl auf den Menschen gerichtet; daneben – quasi dabei – ist Thomas Törless (Mathieu Carrière), dessen Figur man eindeutig die Passivität und Ignoranz vorwerfen kann, schließlich ist es sein fehlendes Handeln, was den Terror der 2 gegenüber dem Einzelnen erst ermöglicht; eine Steigerung wird im Film nur noch durch Ausuferungen der Gewaltbereitschaft und das Anstacheln der gesamten Schülerschaft gezeigt. Wenn sich diese Gruppe von Schülern, die im Prinzip nichts mit dem Diebstahl und allen anderen Dingen zu tun hatte, verselbstständigt und Basini regelrecht zerfetzt.. dann ist es zu spät, jetzt noch Farbe zu bekennen und eine Umkehr vorzuschlagen; Törless hat sich mit seiner “Ich möchte verstehen und beobachten”-Haltung aus dem Kreis ausgeschlossen und ist nun auch nicht mehr in der Lage, die Gewaltspirale zu stoppen – da er sie ja nicht mal überwinden & durchdringen kann.

Auf der einen Seite wirkt Der junge Törless als eiskalte Anprangerung dessen, was er inszeniert; einer lässt die Mitmenschen gewähren, selbst wenn diese anderen Menschen Leid zufügen. Auf der anderen Seite – im zeitlichen Kontext gesehen – soll es ja auch Menschen gegeben haben, die eine Vernichtung von Menschen vor der eigenen Haustür nicht mitbekommen haben wollen.
Törless verweilt in dieser gewährenden Position, um zu verstehen; nicht nur um zu verstehen, wie sowas möglich ist, dass “normale Menschen Grausamkeiten begehen”, sondern auch wie er selbst überhaupt dazu steht – wo doch sonst alles so einfach Schwarz und Weiß gemalt wurde – Gut und Böse – da wird ihm auf einmal klar, dass kein Mensch für immer die eine oder die andere Seite ist, sondern durch seine Taten definiert werden kann und dass sich diese Taten von Tag zu Tag, Umstand zu Umstand verändern können.
Bis Törless aber zu dieser ernüchternden Erkenntnis gelangt, damit eines der vielen Tore durchschreitet, die im Film auch als epiphanisch angehauchte Symbole verstreut sind, müssen Missbrauch und Exploitation getarnt als Läuterung und Reinigung der Seele (man fühlt sich so an Freud und den psychischen Apparat erinnert) für “wissenschaftliche Zwecke” vollzogen werden.
Nicht zu vergessen: eine Charakterentwicklung, ein Jugendlicher der sich mit sich selbst auseinandersetzt und immer wieder in moralische Konflikte gerät; auch nicht zu vergessen der Kontakt mit der Prostituierten Bozena (Barbara Steele) – der Weg zum Erwachsenen ist lang und steinig und.. wie sollte man ihn besser festhalten, als mit diesem einen Bild des kleinen Häuschens an den Gleisen?
Nur wie, wie soll man es deuten, dass sich Törless davonstiehlt, zurück zur Mutter geht und das Internat verlässt? Lernen ist eine Sache, dazu lernen eine ganz ganz andere.

Von 1966, noch immer mit FSK 18 bezeichnet, da eine neue Beantragung teuer teuer ist (wer auch immer das erfunden hat), in s/w mit vielen Licht- und Schattenmomenten, die das Wesen des Menschen nur all zu gerne beschreiben und einem Score, der es getragen und hämmernd in sich hat. Auf der DVD gelangt man vom Hauptmenü über “The Attic” zu einer seltenen restaurierten Version des Original-Scores; vom Anfang (Austro-Hungarian Plains) bis zum Ende (Runaway/Maternal Presence) großartig.
Screenshots sind der Criterion DVD entnommen
Der junge Törless – IMDB
- es spielt in Österreich-Ungarn [↩]
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