[Fiktional oder real? Ach weißt du.. das ist doch irgendwie egal!]
Hinter ihr schlug die Haustür zu, danach wurde alles schwarz. War ja auch logisch, denn sie hatte das Licht vorsorglich ausgeschaltet. Außerdem kann sie sich nicht mehr so recht an den Weg zum Bahnhof erinnern, denn dieser Weg wurde ihr immer nur mit spärlichen Beschreibungen, die wenig Details enthielten, beschrieben. So ging sie also gedankenverloren und eigentlich recht guter Dinge zum Bahnhof, der sie dann mit einem großen Ungetüm aus Streik, Metall und viel Geschwindigkeit zum Arbeitsplatz befördern sollte. Eigentlich ein Ding der Alltäglichkeit, ein immer wiederkehrender Prozess, der es eigentlich nicht nötig hat, beschrieben zu werden. Deswegen hat sie das auch alles vergessen. Sie hat vergessen, wie schön es ist, durch Gruppierungen von Tauben zu rennen, damit diese aufgescheucht anderen Menschen ins Gesicht fliegen, sie hat vergessen, wie fettig die Brötchen vom Bahnhofsbäcker sind und sie hat vergessen, wie oft sie sich schon mit letzter Kraft die Treppe hochziehen musste, weil mal wieder eine rosa Treppenstufe nicht rosa war, weil jemand die Farbe Rosa so toll fand, sondern weil eine unnachgiebige Schicht an Kaugummi auf dieser Treppenstufe lauerte, um ihre Schuhe und sie in ein “Bleib stehen und du kommst zu spät” oder “Zieh mit aller Kraft und opfere die Gesundheit deines Schuhs für dich und deine Zukunft” Patt zu verwickeln.
Das alles hatte sie jetzt vergessen, denn der Zug setzte schon langsam zu seinen schnaufenden Bewegungen an. Ja, der Zug schnauft. Irgendwer hat sich mal gedacht, dass dieses altmodische Geräusch den alten Flaire der guten alten Bahn wiederbeleben könnte. In Wirklichkeit ernete jeder einfahrende, schnaufende Zug hämische Bemerkungen über die Themen Pünktlichkeit und die außerordentliche Anstrengung des Personals, so viele Hebel und Knöpfe zu bedienen. Noch stand die Tür offen – ein Sicherheitsrisko während der Fahrt!? Wie konnte man nur!? – ihre Bedenken waren von unterster Priorität, denn der Zug entfernte sich langsam von ihr, obwohl sie selbst sich nicht vom Fleck bewegte. Die logische Schlussfolgerung: Der Zug fuhr langsam aber sicher los; der nächste Zug würde erst in 45 Minuten, wenn überhaupt anrollen, somit gab es nur eine einzige Möglichkeit, die ihr auch sofort in den Kopf schoss: RENNEN! Während sie da so spurtete, fast ihre Tasche verlor, sich mit dem Rucksack erwürgte und die andere Tasche sie immer wieder fast zum Stolpern brachte kam auch schon ein neuer Gedanke: Run faster pussycat, run!
… Huch? Hatte sie das wirklich gerade gedacht? Sowas würde sie doch nie denken? Was war denn das? Ein lautgewordener Gedanke, quasi ein Gedankenschrei? Während sie da so rannte, natürlich schneller und schneller, wie es diffamierend befohlen wurde, tat sich mit einem anderen vermeintlichen Gedankenschrei vor ihr auf: Oh, ich hasse diese Art von Musik.
Das war es! Nein, natürlich hasste sie diese Art von Musik nicht, auch wenn sie sich im Klaren darüber war, dass es weitaus bessere Lieder jenes Artisten gab, doch ihr unbestechliches Näschen für die Musik in Verbindung mit ihrem eigenen Event “Liedzeilenquiz” verband sofort die Aufforderung von vorhin mit dem anderen Satz und kam zu dem Schluss: Da ist er wieder, mein Freund der Musik auf voller Lautstärke Hörer, dass alle Anderen weder Podcasts noch Hörbücher verstehen können-Typ!
Sie verwarf diese Gedanken erstmal, denn Hass, Wut und Nachdenken zusammen mit dem Zug hinterherrennen vertrug sich nicht, zumindest nicht, wenn man den Faktor Geschwindigkeit auf einer ausreichenden Höhe halten wollte. Machen wir es kurz und schmerzlos: Sie biss die Zähne natürlich zusammen, schaffte es irgendwie, den Zug einzuholen, sprang auf, noch bevor sich die mit Rasierklingen bewaffneten Türen schlossen und landete mit einer doppelten Flugrolle, ohne einen Inhalt aus Taschen und Rucksack zu verlieren, im Abteil. Wie jeden Morgen also, nicht weiter erwähnenswert und unspektakulär. Bis auf den Musik auf voller Lautstärke Hörer, dass alle Anderen weder Podcasts noch Hörbücher verstehen können-Typ. Der war ihr neu, sofort ins Ohr gefallen (aufgrund ihrer Audiophilie bevorzugt sie diesen Ausdruck) und gab ihr gleich Gelegenheit, über Fury in The Slaughterhouse zu reden, dass die doch viel bessere Lieder mit viel mehr Botschaft gemacht hätten und überhaupt, wie käme er eigentlich dazu, mit seinem Plastikschrott die Ohren anderer Leute zu traktieren? Hätte er noch nie etwas von Anspruch des Ohres gehört? Oder gar von Stöpseln, die zwar seine Taubheit, aber das Ohren- und Seelenheil der Mitmenschen bedeuten würden? Da die einzige Reaktion ein Erheben der Fäuste mit spuckender Droh-Sprache darstellte, erkannte sie blitzschnell, wer hier wo einen Vorteil besaß und schlüpfte in das nächste Abteil, um sich aus der Misere und dem Klangradius des Plastikschrotts zu ziehen.
Ein Fensterplatz war in Sicht. Die Rettung, dort konnte man sich ganz klug verstecken, die Aussicht genießen, die Kamera mit langer Belichtungszeit spielen lassen und die Gedanken schweifen lassen, denn die lange Fahrt bot ja doch so einiges an Zeit, die man nutzen konnte..oder eben nicht. Platz genommen und leicht durchgeatmet. Schon wurde sie in die Seite gestoßen. Sie dachte an ein Versehen, drehte ihren Kopf leicht nach rechts um auf ein ensetzes, um Verzeihung bittendes, Gesicht zu treffen. Was sie aber zu sehen bekam war ein Gesicht mit Augen, die sie böse anstarrten und dabei hin und her sprangen, ein Mund mit Lippen, die nicht aufhörten sich zu bewegen und ein Stimmorgan, das es einfach nicht lassen konnte, ganz laute Töne in ihr Gesicht zu bombardieren: HALLO? HALLO? BIST DU NOCH DA? ICH KANN DICH NICHT HÖREN HIER NEBEN MIR ATMET GERADE SO NE UNVERSCHÄMTE VIEL ZU LAUT? HALLLOOO? EY? NOCH DA? JAAA? NOCH DA? HALLO?
Sie versank im Sessel und verfluchte ihre übereilige Flucht vor dem fäusteschwingendem Musik auf voller Lautstärke Hörer, dass alle Anderen weder Podcasts noch Hörbücher verstehen können-Typen, denn den Platz, den sie sich ausgesucht hatte, lag direkt neben der gefürchteten am Handy dauernd “hallo bist du noch da, hallo hörst du mich”-Schreierin.
Seufzend erhob sie sich, dabei einen leicht besorgen Blick ins andere Abteil, ob der Typ schon seine Schlägermannschaft zusammentrommelte, und ging das Abteil weiter ab. Ganz hinten, da war eine Viererecke. Die wär auch frei gewesen, wenn eine alte Dame nicht 2 Tüten auf jeden Sitz gestellt hätte. Wie trug diese Dame 3*2 Tüten und die 2 Tüten, die sie jetzt schon auf dem Arm balancierte? War das eine Schmugglerin, ein Polizist in Verkleidung oder einfach nur ein “Verstehen Sie Spaß”-Gag? In ihrem Gedächtnis kramte sie eine nette Erinnerung heraus, um ein sonniges, freundliches und dennoch direktes Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
“Entschuldigen Sie, könnten Sie vielleicht einen Platz eventuell…” – weiter kam sie nicht. Die Dame sprang auf, ließ 2 ihrer Taschen fallen, schaute erst auf den Boden, schaute dann recht böse wieder nach oben und begann in einem bebendem Ton etwas über “Dekadenz der jungen Dinger von heute” vorzuschreien. Jeglicher Versuch, eine Nanosekunde an Ruhe zu erwischen, um sich zu rechtfertigen, schlug fehl. Es blieb also nur der Rückzug, den man auch antreten sollte, wenn ein kläffender Hund vor einem steht. Ruhe bewahren, langsam nach hinten gehen, sich bloß nicht umdrehen, bloß nicht wegrennen und bloß keine hektischen Bewegungen – oder so ähnlich zumindest. Während diese ich stelle meine Tüten auf alle Sitze einer Vierergruppe, weil ich meine Privatsphäre brauche, besonders im überfüllten Zug-Oma sie weiterhin verbal bedrängte, dabei mit ihr zu gehen schien, erfassten ihre Ohren einen Dialog, der wohl auch sie betraf. Was denn nun schon wieder?
Anscheinend hatte sich ein älteres Ehepaar eingemischt, wobei der eine Herr ein alteingesessener Psychoanalytiker sein musste, denn er verkündete lautstark zu seiner Frau, die anscheinend seine Ausführungen satt hatte und immer wieder die Augen verdrehte, auf welche frühkindlichen Defizite sich dieses dekadente Verhalten festnageln lassen könnte. Dabei war er so eloquent und wortgewaltig, dass er jeden Satz mit mindestens 5 Wortkombinationen und 10 Variationen darlegte, so dass wirklich jeder im Abteil einen Teil verstand. Die Frau kam auf sie zu und flüstere ihr ins Ohr, dass sie doch nichts darum geben brauchte, denn eigentlich war ihr Mann ja nur ein kleiner ich rede jetzt extra laut damit jeder mitbekommt, wie viel Ahnung ich vom Thema habe-Besserwisser, der sein Diplom auf der Kirmes geschossen und auf dem Riesenrad verloren hat. Flüchtig erwähnte sie dann auch noch, dass die beiden auf dem Weg zu einer Veranstaltungen mit anschließender Diskussion waren (doch hoffentlich nicht in der gleichen Universität?!) und ihr Mann sich noch ein bisschen verbal warmreden müsse, denn er gehörte ja aus Leidenschaft zu den ich wiederhol besser alles nochmal in anderen Worten, damit man merkt wie eloquent ich bin-Rednern.
Sie nickte höflich, wich dabei immer weiter und wurde jetzt schon von der Mecker-Oma, der erklärenden Ehefrau und den Worten des Psychoanalytikers verfolgt. Immerhin nicht von den Schlägern mit ihren Handyschlagern aber das war auch schon alles. Umdrehen, ins nächste Abteil rennen. Ein leeres Abteil. Wie kam denn das? Was war denn hier los? Virus ausgebrochen? Kein Boden im Abteil?
Nein, die Antwort war viel feuchter, schleimiger und brauchte fast 2 Sitze: es war der gefürchtete abwechselnd die Lunge aus dem Leib husten und die Nase bis weit über Anschlag hochziehen-Typ, der den Verzehr der mitgebrachten Butterstulle besonders appetitlich gestaltete und dabei wohl auf kollektive Isolierung weil Ekelhaft Denkschemata traf.
Seufzend nahm sie dort Platz, wo der größtmögliche Abstand zum Bazillenmutterschiff zu erreichen war und malte sich aus, was jetzt noch fehlen würde. Vielleicht würde ja ein Damengrüppchen mit mehreren Flaschen Sekt auftauchen und kichernd den Zug unsicher machen, sie dabei auffordern irgendwelche grausigen Partyhits zu gröhlen und mit zu schunkeln? Der bloße Gedanke an dieser Unart von Musik, diese kichernden Gören und sowieso alles, was zu diesen Gedanken gehörte, ließ sie erschaudern. Ihre Nase zog sich förmlich zusammen und sie bekam innere Schüttelkrämpfe. Was war denn jetzt los? Sollte der gedankliche Wahnsinn, hervorgerufen durch die böse Realität, sie jetzt doch noch ereilen?
So schlimm war es dann doch nicht, aber so schön war es dann auch wieder nicht, als sie in ihrem Blickfeld eine meterlange 2er-Reihe von ich bade mal lieber in After Shave, weil ich ja im Zug schwitzen könnte und dann wäre mir das peinlich-Männern wahrnahm, die sich mit viel Lautstärke und bedenklicher Fokussierung auf sie zubewegten. Hat da wirklich gerade jemand Schlampe zu ihr gerufen? War das, was da so im hellen Abteil-Licht aufflackerte ein Schlagring oder ein Goldkettchen? So genau wollte sie es dann doch nicht wissen und dankte einem nicht existierendem Gott dafür, dass der Zug zum Stehen kam, in ihrer Nähe der Ausgang war und sie sich mit dezenter Eile und einem Hauch von Angst um körperliche Unversehrtheit zur Uni bewegen konnte, wo sie erstmal einen abschließbaren Raum aufsuchte, um – einer durch zu viele Duftstoffe verursachten nahen Ohnmacht – ins Internet zu schreiben, wie nett doch die Mitmenschen der Bahn sind.
Alle Personen, Gegenstände, Beschreibungen und andere Dinge, die vorkommen sind total fiktional, ersponnen und erdacht und beruhen nur auf einer marginalen Vorlage, die hier zu finden ist. Personen, die sich wiedererkennen, sollten jeden Tag aufs Neue dankbar sein, dass sie diesen Höllenschlund aka Bahn überleben. (Julia, bitte verzeih mir aber die Anziehungskraft dieser Liste war einfach zu gewaltig.)
Oh herrlich, herrlich, herrlich (und ein dreifaches Chapeau!). Ich hab wirklich Tränen in den Augen (vor Lachen und auch ein bisschen vor Rührung
) :rofl: :hug: :rofl:
Also wenn solche Listen dich immer zu solch fantastischen Beiträgen verleiten, dann müssen da die Grundlagen geschaffen werden! :klatsch:
Den Begriff “Bazillenmutterschiff” solltest du dir schützen lassen! So, ich druck das Ding hier jetzt mal aus und verteil das dann an Ostern an alle Verwandten :anbet:
Hm, wie herrlich wäre das wohl geworden, wenn du den gerade in der Bahn gelesen hättest? Dann wärst du ein lauthals alleine rumlachend und sich nicht mehr einkriegend-Mensch geworden, den es nicht juckt?
Eigtl war es die 1. Liste, glaube ich? Zumindest wollte ich eigtl. auf den Beitrag nur ein “Ich habe eine Vision. Julia packt eine Videokamera ein und dreht eine Doku, im Live-TV-Stil, wird dann, während sie den Handyproll beschreibt, von diesem verprügelt und rennt ein paar Abteile weiter, um an die anderen Mitmenschen zu geraten” – wo doch alle Blogger zu Podzauberern und Videologgern werden
Da ich mir aber dachte, dass das sehr.. unwahrscheinlich wäre,..ja, siehe oben
Neee du, der Begriff ist total heikel und ich glaube hier benutzt den jeder für eine verschnupfte Person, da hab ich kein Anrecht drauf :gruebel:
Das mit dem Ausdrucken, ohje.. oha.. äh.. :schock:
cimddwc, Überwachungsstaat machts möglich! Oder war es doch die Phantasie? :pfeiff: