Songlian’s mother: Rich man? If you marry a rich man, you will only be his concubine.
Songlian: Let me be a concubine. Isn’t that the fate of a woman?
Es beginnt alles mit einem kurzen „Dialog“, wobei die Kamera die ganze Zeit auf der Stelle verharrt und das starre Gesicht von Songlian (Gong Li) einfängt. Es sind nur wenige Worte, die mit der Mutter gewechselt werden, doch diese Worte bedeuten einen neuen Lebensabschnitt für das 19-jährige Mädchen. Der Vater, ehemals im Teegeschäft tätig, ist verstorben und der Familie mangelt es an Geld; Studenten sind teuer und somit muss auch Songlian auf ihr angefangenes Studium wieder verzichten.
Die Frage ist und bleibt, wie die Familie überleben soll, und anscheinend wurde schon im Vorfeld viel geredet, denn Songlian beginnt „Raise The Red Lantern“ mit den Worten „Mother, stop.“ – nicht viele Worte, aber immerhin genug Worte um zu signalisieren, dass sie eine Entscheidung gefällt hat. Diese Entscheidung – der chinesischen Tradition folgend – dient natürlich dem Gemeinwohl, dem Wohle einer Gruppe und nicht dem Glück des Einzelnen, denn das Individuum – hier Songlian – hat sich dazu entschlossen, sich in eine reiche Familie einzuheiraten, trotz der „Bedenken“ der Mutter, dass sie dann nur eine Konkubine für den Mann sein wird.
Ein Weg, den sie ganz alleine gehen muss, ein neues Leben, wo ihr niemand zur Seite stehen wird – muss man noch erwähnen, dass die Mutter während des ganzen Films nicht auftaucht, nicht mal während des Dialogs?

Ein rotes Zeichen glüht auf. Sommer. Mit weißer Bluse, schwarzem Rock und einem Koffer macht sich Songlian auf den Weg zum Haus der Familie Chen. Als 4. Konkubine tritt sie ihren Dienst an, sprich es gibt noch eine 3., 2. und 1. Konkubine, die allesamt im Palast wohnen, jedoch getrennte Häuser mit eigenen Untergebenen besitzen.
Eine Flut von Riten, Verhaltensweisen und Gepflogenheiten brechen über Songlian herein. Die 4 Konkubinen stehen im indirekten Konkurrenzkampf zueinander. Das höchste Ziel ist es, den „Meister“ dazu zu bewegen, die Nacht im jeweiligen Haus (1, 2, 3 oder 4) zu verbringen – wenn der Meister sich entschieden hat, verkündet der „Hausmeister“ vor welchem der vier Häuser die Laternen angebracht und entzündet werden sollen.
Damit fängt der Luxus für die Auserwählte aber erst an, eine Fußmassage mit rasselnden Gegenständen und die Bestimmung der Gerichte am Esstisch sind ebenfalls der auserwählten Konkubine vorbehalten.
Das ist ein Stoff, aus dem die dramatischen Konflikte sind. So hübsch und anmutig sich alle vier auch geben, so abgrundtief ist die Verachtung für einander; anfangs noch mit einfachen Mitteln wie vorgetäuschter Krankheit und frühmorgendlichem Singen werden im Mittelteil sogar Scheren angesetzt, Affären aufgedeckt und und und.
Meishan (Caifei He) ist die 3. Frau des Che, war eine Opernsängerin – sie erscheint hinter ihrem schönen Gesicht abgrundtief neidisch auf alles und jeden, der ihren Posten streitig machen könnte. Ihr Zimmer wirkt wie eine Bühne, überall hängen große Masken, die allesamt in ihrer Symbolik nur ein Ziel verfolgen: Das Schauspiel, das sich Leben nennt, mit grimmigen Gesichtern zu beobachten.
Dem gegenüber steht Frau Nummer 2, Zhuoyan (Cuifen Cao) hat ein immerzu freundlich wirkendes Gesicht mit gutmütigen Spuren des Alters, wohlbedachten Worten. Doch man sei vor dieser Art von Mensch gewarnt, ein Budda-Gesicht mit einem Skorpion-Herz1 ist eine gefährliche Mischung. Die Nummer 1, Yuru (Jin Shuyuan) wirkt sehr resigniert, als ob sie sich damit abgefunden hat, in diesem symmetrischen Käfig zu leben, sich der Sünde Tag für Tag zu ergeben und diesem sinnlosen Wettbewerb als gealterte Frau nach zu hechten. Doch dabei ist sie diejenige, die auf die Einhaltung der Regeln pocht, unverblümt die Situation darstellt und wohl der letzte Rest an Aufrichtigkeit im Hause Chen darstellt.
Good or bad, it’s all playacting. If you act well, you can fool other people; if you do it badly, you can only fool yourself, and when you can’t even fool yourself, you just can fool the ghosts.
Yimou Zhang verbindet die Architektur und die Kameraführung mit dem Leben in diesem Haus: Die Höfe und Häuser ähneln einander, alles ist symmetrisch genau aufeinander abgestimmt, die Mauern wirken so unendlich hoch wie in einem Gefängnis und nie, nie verlässt die Kamera die Gemäuer, sobald Songlian ihr neues Leben betritt. Kunstvoll geschmückte Gitter erinnern dabei an ein Gefängnis, so wie das Ausharren auf die Verkündung, vor welchem Haus die Laternen jetzt angebracht werden, mehr einem Antreten beim Militär gleicht. Fast nebensächlich dargestellt und dennoch von größter Bedeutung ist die Darstellung der Personen – auch durch die Personen, die sie spielen. Starre Gesichter sind es, die sich Tag für Tag mit einer fröhlichen Stimme alles Gute wünschen, nach dem Wohlbefinden fragen und gut gemeinte Ratschläge und Floskeln um sich werfen, keine Mine wird verzogen, keine Zunge wird rausgestreckt, kein Schienbein getreten.. nichts. Hinter den distanzierten Anreden mit “Dritte Schwester” verbirgt sich das Schauspiel, seine eigenen Schwächen zu verdecken und den Hass wohl dosiert auf das Gegenüber zu schießen. Warum ein gnadenloser Dolchstoß ins Herz, wenn viele kleine Stiche mit Nadeln (eine “Voodoopuppe” hat auch einen exzellenten Auftritt) viel wirkungsvoller – auf lange Sicht gesehen – sind?

Hierarchie spielt eine große Rolle, klar, wie hätte es auch anders sein können bei einem Film, der die durch Umstände erzwungene Unterwerfung einer Frau darstellt, damit diese ihr eigenes Leben einem inhaltlosem Nachleben von verstaubten Riten opfert – damit die nächst wichtigere Gruppierung, ihre Familie, durchkommt. Filmisch beispielhaft gelöst: Der Unterdrücker in Form des Hausherren (Ma Jingwu) wird – wenn überhaupt – durch Vorhänge, verschwommen oder von weit weit weg beobachtet, meistens hört man aber nur seine Stimme, die alle Diener sofort spurten lassen.
Geräusche, ein weiteres Thema im Film. Die Fußmassage kann sich nur diejenige erlauben, die die Gunst des Herrn und Meister erlangt hat. Während dieser Prozedur “klopft” eine ältere Dienerin mit “Massage-Rasseln” die frisch gewaschenen Füße ab, dabei entsteht ein ständiger Rasselton. Auf der einen Seite sehr entspannend („Nur eine Frau mit gesunden Füßen kann ihrem Herrn gut dienen“) und quasi DAS Highlight im großen Haus, doch auf der anderen Seite hat dieser Ton eine Nebenwirkung. Eine ständige Ermahnung für die Abwesenden Konkubinen, die es diesmal nicht geschafft haben, die Fußmassage zu ergattern.
Für deren Ohren dürfte sich das Gerassel wie ein höhnisches Gelächter anhören, wie abwertender Applaus und wie das Gift einer Klapperschlange wirken; in einer Szene, wo Meishan Songlian zum Mahjong einlud wird das sehr sehr deutlich. 4 Menschen sitzen am Tisch und spielen Mahjong. Das Gerassel ertönt. Niemand verliert die wahren Worte darüber, doch es ist sehr evident, dass Meisahn es darauf angelegt hat, dass Songlian vom Meister aufgrund ihrer Abwesenheit im eigenen Haus “übergangen wird” – das Gerassel erinnert sofort wieder an die Pflicht, sich nicht zu viel herauszunehmen und dem Meister zu gehorchen, denn hätte sie gehorsam auf ihn in ihrem Haus gewartet, wäre diese Entscheidung sicher anders ausgefallen. Was sagt die 3. Schwester zur 4.? “Fourth sister has done Zhuoyun a davor” – ein mildes Lächeln kann manchmal so gemein sein, dass sich das eigene Gesicht nur noch versteinert.

Doch damit noch lange nicht genug, neben dem stilvollen Zickenkrieg gibt es auch noch Unstimmigkeiten zwischen Songlian und ihrer persönlichen Dienerin Yan’er (Kong Lin), denn diese – zwar als Hausmädchen geboren – hängt sehr an ihrem Traum, auch eine Konkubine zu werden, zumindest aus ihrem eigenen Elend zu verschwinden. Antipathie seit dem ersten Treffen, subtiler Ungehorsam, leichte Trödeleien und ständiges Gespucke in die Wäsche. Da die Dienerin weder schreiben noch lesen kann, ist sie obendrein ein wunderbarer Sündenbock und Instrument für eigene Zwecke – wir erinnern uns an das Herz eines Skorpions. Was wäre da denn noch? Vielleicht, dass sie sich ihren Traum, zumindest teilweise, in die eigenen 4 Wände geholt hat und aufgrund ihrer Besessenheit einen hohen Preis bezahlen muss? Im Hause Chen verliert man wenig Worte darüber, man ist nur auf den einen etablierten, guten Ruf nach außen hin aus, im Hause selbst soll folgende Grundregel herrschen: “The Sisters have to be friends” – wobei diese Regel mehr Schein als Sein ist und wohl von niemandem so wirklich akzeptiert wird. Ein hoher Preis, ein hoher Preis für jemanden, der sich noch Mensch nennen möchte, in anderen Augen würde man von einer “unnötigen Übertreibung” und “dramatischen Szene” sprechen – Unmenschlichkeit kann man in noch so viele feine Wörter verpacken, abschwächen tun diese rein gar nichts.

大红灯笼高高挂/大紅燈籠高高挂 (Dà hóng dÄnglóng gÄogÄo guà – Raise The Red Lantern – Rote Laterne) [es hat schon was, alle Titel zu erwähnen, oder?] ist menschliche Tragik. Wie soll man es anders beschreiben, wenn sich eine einzelne Frau in dieses unterdrückende System begibt, immer wieder mit neuen, fast wahnwitzig erdachten Bestimmungen, konfrontiert wird und schließlich Fehler begeht, die bis zum Tod ihrer „Mitmenschen“ und dem eigenen Wahnsinn führen? Barmherzigkeit lohnt sich nicht, die Rebellion des Einzelnen kann immer wieder niedergeschlagen, aufgehangen und massakriert werden; Leichen kann man im „Haus des Todes“ verstecken und warum sollte man hinter diesen hohen Mauern, wo das Licht nur zu bestimmten Zeitpunkten einfällt, schreien, wenn man doch ein Leben hat, wenn auch ein inhaltloses und fremdbestimmtes Leben.
Mag es da auch ein noch so tolles Privileg sein, die roten Laternen vorm und im eigenen Haus leuchten zu haben; sind sie doch nur ein rotes Symbol für die eigene Resignation vor dem feudalen System; die Frauen machen sich zum Großteil keine Gedanken mehr darüber, das sie selbst zu Objekten reduziert worden sind und zur Passivität und Gehorsamkeit “ritualisiert” werden. Umso schlimmer noch das Handeln im Rahmen des Umkämpfens, denn dieses Handeln trägt nur noch zur Stabilisierung der Strukturen bei und befördert die druckausübendenden Konkubinen in die unehrenhafte Position der Mittäterinnen – hebt hoch die rote Laterne, damit auch jeder sehen kann, was für ein prächtiger goldener Käfig dieses Haus darstellt – und seht ihr nicht diesen Menschen, der mal Mensch war und sich dem goldenen Käfig wie ein streunender, verwirrter Hund angenommen hat? Es muss offensichtlich einen Grund gehabt haben, dass der blühende Frühling in der groben Unterteilung ausgelassen wurde; so wie es einen Grund gehabt haben muss, dass ein kleiner Junge – ohne nachzudenken – auswendig ein Gedicht aufsagt und (ich verlasse mich gerade auf mein Gedächtnis, duckt euch) dabei die schönen Worte goldener Käfig (wie gesagt, Gedächtnis, auch wenn ich sie Stelle nicht mehr finde) fröhlich und stolz hinaus posaunt.

Man könnte noch so viele Worte verlieren. Worte über die ganz eigene Gestik der Augen (die in China ja eine äußerst wichtige Rolle spielen) oder das Streben nach Harmonie, was wiederum in dieses Geschwafel und Scheinheilige resultiert, oder die chinesische Kultur im Großen und Ganzen und natürlich die Geschichte selbst, denn nicht umsonst wurde die Farbe Rot so konsequent und erbarmungslos in Szene gesetzt; neben Maoismus und den Mauern der verbotenen Stadt dürfte es noch eine ganze Menge anderer Assoziationsketten geben, die von Rot zu China führen.
Wobei auch Schwarz eine kleine “Nebenrolle” spielt; denn Songlian ist später nichts mehr heilig und so werden ihre Laternen zur Strafe mit schwarzen (VERSTAUBTEN!) Decken behangen; quasi ein Fluch? Ein Fluch, so grausam wie das Geräusch das ertönt, wenn die Laternen ausgeblasen werden.
大红灯笼高高挂/大紅燈籠高高挂 (Dà hóng dÄnglóng gÄogÄo guà – Raise The Red Lantern – Rote Laterne) – IMDB
(Screenshots sind dieser DVD-Fassung entnommen)
- She has the face of Buddha and the heart of a scorpian [↩]

Ohne den Text gelesen zu haben hast du den originellsten Feed des Tages. Gratuliere.
Solange originell nicht zerschossen, nicht darstellbar und fehlererzeugend bedeutet: Vielen Dank, krieg ich jetzt eine Tomate? :freu:
Ich bin stolz, einen Film gezeigt zu haben, der Dandu dazu bewegt hat zu sagen: “Du hast den originellsten Feed des Tages”! Denn ohne Film kein Feed!!!
Und ohne Feed würde niemand merken, dass wir außergewöhnliche Filme im kleinen Moers zeigen!