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The Chumscrubber (Glück in kleinen Dosen)

I read this statistic once, that the average kid sees somethng like 10,000 dead bodies on TV before he turns 18.

Es sieht alles wie gemalt aus, wenn sich Haus an Haus, Vorgarten an Vorgarten anreiht und einen perfekt erscheinenden Vorort in den USA ergeben: Hillside. In Hillside sieht alles edel, nobel, nicht benutzt und so richtig perfekt aus. Vielleicht sieht es aber doch eher wie an einem Computer erstellt aus, dazu aber später mehr.

Troy Johnson (Josh Janowicz) ist der Hauptversorger in Sachen Drogen und mischt diese sehr erfolgreich unter die Jugend von Hillside. Alle scheinen vom Glück in kleinen Dosen zu profitieren und zu dieser perfekten Erscheinung der Vorstadtsiedlung beizutragen. Troy begeht Selbstmord – sein bester Freund Dean (Jamie Bell, Jumper) sieht ihm an Strick in seiner Hütte baumeln – um ihn rum und diese grausige Entdeckung schlürfen die Erwachsenen Alkohol, schwadronieren und sind des Lebens froh. Dean verlässt diesen Ort geschockt, aber nicht zu Tode betrübt – kriegt es nicht einmal hin, den Selbstmord zu melden. Das Leben scheint weiter zu gehen.
Scheint. Das wiederum führt zum schönen Schein, denn in Wirklichkeit beginnt nach Troys Selbstmord eine Lawine ins Rollen zu kommen. Keine Lawine von Chaos, Zerstörungswut oder anderen großen Dingen aber immerhin ein paar epiphanische Erleuchtungen auf Umwegen von Einzelnen – Troy war der Pionier unter den Hillsidern und hat erkannt, was für ein Leben hier wirklich gelebt wird. (I’m not dead, but who could call this a life?)
Auf diese Aktion sollte eine Reaktion folgen. Die Reaktionen sind unterschiedlichst. Die Mutter, kühl und beherrscht wirkend wandert von Haustür zu Haustür um immer wieder einen Satz von sich zu geben: [...] in no way whatsoever, do I blame you for Troy’s death.. Der eigentlich beste Freund Dean wirkt auch nicht so erschüttert, wie es der Vater, erfolgreicher Psychoanalytiker und Buchautor für die Sparte Lebensratgeber, wohl gerne hätte. Ein weiteres Problem; die Kommunikation in Hillside ist.. nicht vorhanden, wenn man von der Prämisse ausgeht, dass Kommunikation auf einer geistigen Auseinandersetzung beruht und sich – so fern 2 Standpunkte auch noch sein mögen – ein Konsens an Diskussionsbasis gefunden wird. Was hier geredet wird ist Mumpitz, alles ist “funny” oder “a joke”, wahrscheinlich könnten die Teenager mit einem Messer im Haus rumrennen und “I kill you all” brüllen ohne auch nur eine Sekunde lang die wahre Aufmerksamkeit der Eltern zu erlangen.

Diese haben nämlich eigene Probleme. Probleme, die man nicht so recht begreifen mag, weil doch die wohlsituierten Haushalte eigentlich alles haben, was es zum Leben so braucht. Der Bürgermeister – sich in einer neuen Ehe findend und von der angehenden Braut unterjocht hat eine wahre Sinnkrise vor sich; sieht überall Delphine, fängt erst dann an zu leben, wenn er mit Kleidung im Pool schwimmen kann oder mit seinen Socken den vergossenen Wein vom Parkettboden aufnehmen kann – muss man erwähnen, dass dieser Herr Mayor Michael Ebbs (Ralph Fiennes) ein großer Fan von Deans Vater und seinen Büchern ist?
Diese Liste an Problemen und Macken, die jeder Charakter besitzt, ist so lang wie der Film selbst aber erst einmal weiter mit dem Inhalt.

Troy begeht Selbstmord, Dean bekommt es mit, ignoriert es aber und wird so erstmal zur Zielscheibe der Mitschüler und seines Vaters, der Stoff für ein neues Buch wittert (so ziemlich alle seine Bücher handeln von Dean oder liegen seinem Leben zugrunde) – die Trauerfeier findet an einem Sonntag statt, ebenso wie die Hochzeit vom Bürgermeister und der Einrichtungsexpertin Terry Bratley (Rita Wilson) – Zündstoff, nebenbei sollte man vielleicht erwähnen, dass Terry Bratley einen Ex im Vorort hat: Polizist Lou Bratley (John Heard). Klar, er könnte sich für seine Ex freuen, dass sie jetzt glücklich wird. Stattdessen verteilt er an den Bürgermeister Strafzettel, die sich auf dem Beifahrersitz häufen, beobachtet sie vom Streifenwagen aus um im Moment der Entdeckung mit lauter Sirene davon zu fahren.
Troy ist tot. Muss man so nebenbei erwähnen, denn die einzige Reaktion ist, dass die Jugendlichen in Hillside jetzt ein Problem haben. Da kommen Eltern zu Besuch und da braucht man besonders viel Stoff, dem anderen geht das Ritalin aus und irgendwie klafft eine große Lücke im Lebensglück basierend auf Pillenbasis, seit Troy nicht mehr da ist. Da Dean ja der “beste Freund” war wird er wohl noch an einen gewissen Vorrat von Troy rankommen. Dean wird fortan von einer Clique rund um den Schlägertypen mit den perfekten Augen (der mal zur Air Force möchte. Kommt das seit Little Miss Sunshine bekannt vor?) namens Billy (Justin Chatwin) bedrängt – da wären noch Lee Parker (Lou Taylor Pucci), der unter seinen “Wir wollen, dass du was aus dir machst und stehen dir dabei zur Seite”-Eltern leidet sowie Crystal (Camilla Belle), die wiederum liegt im erbitterten Grabenkrieg mit ihrer Mutter wegen eines sehr ernsten Themas.

Crystal Falls: You know, if I ate that everyday, I would get a big fat ass.
Dean Stiffle: Is that your greatest fear?
Crystal Falls: No, but it’s my mother’s greatest wish.
Dean Stiffle: What? That you be fat?
Crystal Falls: No, just fatter than her.

Wenn die 39jährige Mutter versucht ewig jung zu bleiben und sich an alles, was nur im entferntesten Sinne nach Mann aussieht, ranmacht – wer könnte die Rolle von der schmucken Jerri Falls wohl übernehmen? Trinity! Carrie-Anne Moss.
Soviel zu der Konstellation. 3 Leute wirken auf Dean ein, weil sie ans Glück in kleinen Dosen herankommen möchten. Dean ist das alles recht egal und ignoriert Telefonanrufe, Beschimpfungen und bösartige Witze. Die 3, vornehmlich Billy, entschließen sich zu einem härten Druckmittel: Den kleinen Bruder entführen und Dean erpressen. Gesagt getan, nur leider spuckte der Computer der Schule 2 Namen aus und prompt erwischte man den falschen Charlie. Nämlich Charlie Bratley (Thomas Curtis), nicht Charlie Stiffle (Rory Culkin), der wohlbehalten vorm Fernseher hockt und “The Chumscrubber” zockt.
Eigentlich hat ja Dean nichts damit zu tun, doch irgendwann kommt es schließlich dazu, dass er seine Egal-Haltung ablegen muss und aktiv werden sollte. Auch wenn Charlie eine Art Stockholm-Syndrom entwickelt und sich inmitten seiner Entführer recht wohl fühlt, Billy wird ungehaltener und aggressiver – Entzugserscheinungen oder doch nur das weitergeleitete Wutventil, das durch Abreagieren an Schwächeren entladen wird, weil er selbst Opfer eines Prügelvaters ist. Der Rest ist so grandios, dass ich ihn nicht mal umreißen werde. Dieses Finale muss man sich geben, diese Entwicklung bis dahin auch, sei es drum, dass sich die Geschichten rund um die amerikanischen Vororte alle ähneln und nur in Schwerpunktverschiebungen voneinander Abstand nehmen.

The Chumscrubber erzählt die Geschichte von perfekt erscheinen Menschen, die in Wirklichkeit – wer hätte es vermutet – alles andere als perfekt sind. Eltern, die nicht in der Lage sind, sich empathisch mit ihren Kindern auseinanderzusetzen weil der Beruf anstrengt, weil die Bemühungen für ein “totally new life system” in Form von Vitaminpillen mehr Priorität besitzt, weil da wieder ein Glas Rotwein zu viel gekippt wurde oder weil eine ehemals glückliche Beziehung in die Brüche gegangen ist. Keiner kennt irgendjemanden so wirklich, den Jugendlichen wird kein Gehör geschenkt und jede Antwort wird mit neuen Präparaten der lebensrettenden Pharmazie beantwortet. Selbst Carrie Johnson (Glenn Close), die Mutter von Troy scheint ihren Sohn nicht wirklich gekannt zu haben, umso erschütternder kommt die Einsicht daher, dass es jetzt auch zu spät ist.
Es geht um Balance. Balance, die um jeden Preis gewahrt werden muss. Keine Flüche im Haus predigt eine Mutter, in der nächsten Sekunde stößt sie gleich doppelte Kraftausdrücke in den Raum. Der Vater möchte doch nur von Mann zu Mann reden, zückt aber trotzdem immer wieder Notizheftchen und “Mehr als Vitamine”. Alle kaputt, alle am Ende, alle haben einen Schaden. Schule? Schule ist eine Ausrede. “It’s for school” lautet die Parole, mit der alle Eltern Eintritt gewähren, sei es drum, wenn 3 Teenager mit einem 13jährigen rumstreunen, sei es, wenn der sonst sehr isolierte Dean weiblichen Besuch bekommt; solange ein Grund wie die Schule – wenigstens ein Grund – genannt wird, ist alles in Ordnung. Die Eltern mischen sich nicht ein, weil sie selbst in ihren Leben gefangen sind; wird Charlie vermisst? Zumindest klopft Mutter Bratley an die Tür, ruft immer wieder nach ihm, erweckt aber nicht den Anschein, dass sie eine Antwort erwarten würde. Wundert sie sich nicht einmal darüber, dass sie den Sohn seit Tagen nicht gesehen hat, nicht beim Frühstück, noch sonstwo. Das könnte bei normalen Eltern alle Alarmglocken läuten lassen, denn normale Eltern würden die Tür zum Zimmer in den meisten Fällen nicht als unüberwindbare Hürde ansehen. Bei Bratleys heißt es einfach, dass Sohn Charlie schweigsame Minuten hat, wahrscheinlich nimmt ihn der Stress mit der Hochzeit zu sehr mit. Die Hochzeit, was juckt ihn wohl die Hochzeit? Mal wieder sind die Eltern nicht in der Lage, sich in den Nachwuchs hinein zu versetzen.

Das wäre das eine Extrem. Das andere Extrem wäre Billys Vater, der die Grenzen zum Zimmer als irrelevant erachtet; sein Haus, also auch sein Zimmer. Was in belangloser Überbetüdelung bei Charlie ausartet, artet in destruktiven Verhaltensweisen bei Billy aus und lässt ihn als eigentlich einsamen Jungen, der nur eine Gewaltsprojektionsfläche seines “Vorbildes” ist zurück.
Wo man auch hinsieht; die Familien sind kaputt und werden vorerst nicht zusammen finden. Troy hatte es anscheinend sehr satt mit diesem ganzen System an Lügen. Passend wie der Chumscrubber kämpfte er gegen die hirnlosen Zombies – ironisch, dass er dabei selbst kopflos ist und doch gegen die mit dem Kopf kämpfen muss – die Köpfe sind vollgepumpt mit Problemen und kleinen bunten Problemlösern. Kontraste und Gegensätze wo man nur hinsieht; das post-apokalyptische Ambiente des Konsolenspiels (Das Spiel gibt es wirklich! Für den N64 und die Playstation I) beißt sich nur zu gerne mit der schönen heilen Welt des Vorortes – und dennoch sind sich beide Orte nicht unähnlich, auch wenn in Hillside die Balance mit aller Kraft versucht wird zu halten, sei es mit dem Zerstören von Einzelschicksalen oder vom schlichten Ignorieren der Realität.
Wie wenig sich die Menschen eigentlich zu sagen haben wird sehr schön verdeutlicht anhand der inhaltlichen Repetitionen; wichtig erscheinende Sätze, die eigentlich nur Fassade sind, werden benutzt, um später wieder benutzt zu werden. Dean besucht Troy, der sich gerade das Leben nahm, die Mutter begrüßt ihn – nichtsahnend – freundlich und bittet Dean darum, ihren Sohn zu sagen, dass er doch bitte die Stereoanlage etwas leiser machen solle. Dann entdeckt Dean Troy. Schock. Später wird Dean besucht, der gleiche Satz fällt von seiner Mutter. Auch der Satz seines Vaters, der eine verzweifele Legitimierung seines Handelns darstellt, There are several major book chains around this country that will disagree with you on that point. wird später von Dean verwendet. Sarkasmus oder doch die Prägung, die von den Bezugspersonen ausgeht..?

Zwischen all den Konflikten bahnt sich der Bürgermeister einen Weg zu einem neuen Leben, zu einem neuen Bewusstsein – und sieht überall blaue Delphine. Delphine, fähig in einer Gemeinschaft zu leben und vielleicht auch ein Zeichen für Ausgeglichenheit – was mit kleinen Delphinen angefangen hat und in Wandmalerei ausartet, um am Ende.. viel viel größere Ausmaße anzunehmen, wird wohl kein Ende haben. Das Streben nach Balance ist so beständig wie die Probleme dieser glücklichen Menschen. Schade eigentlich, dass die Familien nicht wie beim kleinen Sonnenschein zusammenfanden, aber immerhin kann man sich gewiss sein, dass “The Chumscrubber” nur zu gerne eine überzeichnete Darstellung verwendete und all zu gerne in zynisch-komödiantische Situationen abdriftete – eine bitterböse Satire eben, mit einem hübschen Anstrich, den Umständen entsprechenden Schauspielern und “Pure Morning” von Placebo. Was braucht man mehr?

I live in a city, but in an apartment high above the cloud left by the blast. I’m one of the lucky ones. One morning, I awoke to find my head was no longer attached to my body. I’m not dead, but who could call this a life? So I do what I can, in this city of freaks and subhuman creatures. I became… The Chumscrubber.

The Chumscrubber (Glück in kleinen Dosen) – IMDB
Seite über das Comic, das Videospiel, Bilder und und und

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