Koyaanisqatsi..Koyaanisqatsi…Koyaanisqatsi…Koyaanisqatsi..
Es gibt Zeit. Und es gibt Zeit. Zeit kann bedeuten: 82 Minuten. 82 Minuten dauert ein Film, bis man alles, was man sehen sollte, gesehen hat. Das dürfte im Schnitt nicht zu viel und auch nicht zu wenig sein. Jetzt kommt aber eine andere Zeit ins Spiel, mit der man immer rechnen muss: die gefühlte Zeit. 82 Minuten können nichts sein, sind doch schon 90 Minuten +- ein ganzes Fußballspiel voller Adrenalin, Wutausbrüche und Freudentaumel. 82 Minuten könnten eine spannungsgeladene Verfolgungsjagd und so viele Wendungen beinhalten, dass man sich fragt: Das war es schon? 82 Minuten können aber auch lange sein. Sehr sehr lange sein. Und das alles aus einem ganz einfachen Grund: diese 82 Minuten sind unkonventionell, spielen gewissermaßen mit einer Erwartungshaltung, die es einzulösen gilt, die aber nicht wirklich befriedigt wird.
So würde man doch normalerweise etwas erwarten, wenn man die Wahl zwischen verschiedenen Sprachen besitzt. Wenn man die Wahl hat, Untertitel in verschiedenen Sprachen einzublenden. Man würde ein Medium, das diese Sprache beinhaltet, erwarten, also Dialoge, Monologe, auf jeden Fall würde man eine angewandte Sprache vermuten und da diese Sprache von Individuen kommen muss, die jener Sprache mächtig sind nach außen zu tragen, damit sie von anderen wahrgenommen werden kann, so dürfte man schnell bei der Erwartungshaltung angelangt sein, dass es Akteure gibt.
Nun, zumindest in puncto Akteure schenkt Koyaanisqatsi eine sehr gefällige Wahrheit ein. Denn von Akteuren wimmelt es in diesem Film nur so. Das, was den meisten Menschen daran missfallen wird, ist die einfache Tatsache der Reduktion. Auch bei der Sprache, da könnte man ja sagen, dass gesprochen wird. Es ist eben nur nicht die Sprache, die man erwartet hätte bzw. die Sprache, die man beherrscht, es ist die Sprache der Hopi, deren Wandmalereien zu Beginn gezeigt werden und die immer wieder den Filmtitel Koyaanisqatsi in tiefen Chören wiederholen werden.
Hinzu kommt die unkonventionelle Art, eine Botschaft zu übermitteln. Koyaanisqatsi ist zu starr, zu still und zu symbolisch für eine Dokumentation, ist aber auch kein Film im eigentlichen Sinne, wo inszenierte, gespielte, gestellte Charakter in vorgegebenen Räumen, Situationen und Welten nach einem Drehbuch handeln.
Es fängt mit den Wandmalereien an, zeigt kurz den Start einer Rakete und führt weiterhin die Schönheit der schier unangetasteten Natur vor Augen. Sandhügel werden vom Wind leicht in Bewegung gesetzt, Wolken wandern im Zeitraffer und erinnern an auftauchende Rücken von Walen, Schatten und Licht wandern über eine große Felsformation, die starr und pompös in den Himmel ragt. Langsamere Kameraschwenks tasten sich an Wänden entlang, schnellere Flüge über Seen und endlose Felder wechseln sich ab.
Bis jetzt wurde – vom Hintergrundgesang abgesehen – kein Wort gesprochen, kein Protagonist erschien und handelte, so wie man es erwarten würde. Doch einen Einschnitt wird es geben. Einen gewaltigen Einschnitt. Die Musik wechselt und man erblickt Gerätschaften, die nur von Menschenhand stammen können. Eine rote 6 prangt vorne am Fahrzeug. Neben diesem Fahrzeug steht ein Mann mit Schutzhelm, sein Arbeitsfahrzeug ist ungefähr 3x so hoch wie er und er steigt ein. Schwarzer Rauch/Staub wird aufgewirbelt und verhüllt beide.
Und damit hat einer die Bühne betreten, stellvertretend für viele, die nach ihm kommen werden, die wiederum für das, was wir das Wesen Mensch nennen, stehen. Strommasten in einer Wüstenlandschaft. Ein Bild, das mit der richtigen Belichtung und der richtigen Perspektive nach heutigem Verständnis mit Sicherheit einen Blick wert wäre. Doch hier, von Koyaanisqatsi eingefangen, sieht alles aufgesetzt, nicht kompatibel und bizarr aus. Glitzernde Linien verlaufen durchs Bild, versperren nur minimal die Sicht und wirken doch sehr beklemmend und mehr wie ein Gefängnis, das die vorhin suggerierte Unendlichkeit dieser Anblicke regelrecht abschnürt.
Explosionen. Einstürzende Gesteinsmassen. Menschen, die an einem überfüllten Strand liegen. Im Hintergrund ein Kraftwerk. Bizarre Gegensätze, die immer und immer wieder aufgezeigt und doch nicht kommentiert werden. Flugzeuge, die sich gemütlich in der wabernden Luft Richtung Kamera bewegen – die Ausmaße dieser gigantischen Fortbewegungsmittel müssen immer wieder staunend neu erahnt werden, wenn die Schnauze des Flugzeugs näher und näher kommt, um schließlich eine Kurve zu drehen.
Große Häuser, Häuser mit hunderten von Fenstern, in zusammen einen großen Spiegel ergeben, worin man die vorbeiziehenden Wolken beobachten kann. Große Wohnhäuser, in Reih und Glied stehend.
Zwischendurch immer wieder der Mensch. Der Mensch in seinem geliebtem Auto auf der Autobahn. Viele Autos rasen vorbei. Im Zeitraffer und bei Nacht rasen Lichtstrahlen die Straßen entlang und erinnern an eine große Kirmes. Menschenmassen wandern durchs Bild, große Plätze werden von oben ganz starr beobachtet, nur die Menschen, die hasten weiter und weiter. Kaum hat man sich auf irgendeinen Menschen aus der Menge konzentriert, kaum hat man ein Detail wahrgenommen und hegt den Gedanken, dass dieser vielleicht für den Handlungsverlauf wichtig sein könnte, schon hat er sich davongestohlen und wurde in wenigen Sekunden von 2, 3 oder mehr Menschen ersetzt – an Ruhe oder Stillstand ist, sofern der Mensch im Bild ist, nicht zu denken. Eine Bombe explodiert. Feuer breitet sich gewaltig schnell und dennoch etwas im Tempo vermindert über die Bildfläche aus. Rauch steigt auf. Würstchenmaschinen werden kontrolliert, es wird Pac Man gespielt, es werden Computer und Autos zusammengesetzt. Menschen hasten vorbei.
Ab und an gibt es langsame Momente. Langsame Momente, wo Menschen direkt in die Kamera schauen. Einige versuchen zu lächeln. Das Lächeln wirkt nicht glücklich, wirkt alles andere als befreit und schon gar nicht mehr wie ein Lächeln. Eine gequälte Maske, nichts weiter.
Nebst den gewaltigen Landschaftsaufnahmen und den Zeitraffermomenten gibt es die kurzen resignierenden Momente, wo einzelne Menschen im Normaltempo von der Kamera begleitet werden, wo ein Mann, der zusammengebrochen ist, auf eine Trage gehoben wird, wo ein alter Mann die vor ihm stehende Kamera benutzt, um sich mit einem Rasierer über die Haut zu fahren. Ein Trupp von 6 Damen mit eher künstlichen Haaren stehen vor einem “flashigen” Casino und versuchen fröhlich zu wirken. Im Hintergrund rotiert das Licht um den Schriftzug Casino. Sie hingegen stehen da und schauen. Bizarr.
Und am Ende, da wird etwas passieren. Etwas, was viele Minuten lang auf Film gebannt wurde. Etwas, was Koyaanisqatsi quasi zum Anfang führt und ihm eine kurze, dafür aber umso eindringlicher erscheinende Botschaft zu entlocken: Koyaanisqatsi, 5 Übersetzungen, und alle bedeuten soviel wie ein Leben ohne Gleichgewicht und ein Zustand, der förmlich nach Veränderungen schreit. Die für uns unverständlichen Gesänge haben eine Bedeutung, die am Ende übersetzt werden. Sind wir an diesem Punkt angelangt, so haben wir uns schon damit abgefunden, dass Koyaanisqatsi keinen Hauptdarsteller, keine Handlung und keine Dialoge im eigentlichen Sinne besitzt.
Dafür aber eine Botschaft, die umso erschütternder ist, je länger man darüber nachdenkt. Plötzlich machen alle vorgegeben Linien wie Straßen, wie die Mauern des Pac Man Levels und die Explosionen einen Sinn. Der Mensch ist gefangen, gefangen in einem Chaos, das er selbst erschaffen hat und obendrein ist alles, was wir erschaffen, wie wir selbst, endlich und zerstörbar. Steine poltern zu Boden, von einer Explosion in Bewegung gesetzt. In der Relation: Jahrtausende und mehr, bis diese Werke der Natur entstanden sind. Wenige Tage, bis der Mensch einen Strommast drauf gesetzt hat und nur der Bruchteil einer Sekunde, bis eine Explosion alles wegreißen könnte.
Ein harter Kontrast, das ruhende Leben über den Wolken, in der Einöde und dem gegenüber das rastlose Gehetze der Menschen, immer von der Musik untermalt, die sich wiederholt und wiederholt. Am Ende bleibt Niedergeschlagenheit. Zu keinem Zeitpunkt verlor sich Godfrey Reggio mit Koyaanisqatsi in (Be)wertungen, in Urteile und in Vorschläge. Aber allein das konsequente Draufhalten der Kamera, der starre Blickwinkel auf allerlei Schön- und Hässlichkeiten dieser Erde machen Koyaanisqatsi zu einem zeitlosen und intelligentem Stück Filmgeschichte, das auch gänzlich ohne süße Eisbären und verdurstende Elefantenbabys auskommt, um einem unmündigen Zuschauer großkotzig vorzuwerfen, dass man selbst für den eigenen Untergang verantwortlich sein wird, wenn man sich nicht ändern wird.
Eine filmische Geduldsprobe, 82 Minuten Tuchfühlung mit Philip Glass, den man für seine “unendlichen” Klavier- und Violinphasen kennen könnte (und im Musikunterricht an ihm verzweifelte, ihn verabscheute). Doch hier trägt er maßgeblich zu einer Stimmung, zu einer Atmosphäre bei, die eine bis jetzt einmalige und auch von den beiden Nachfolgern der Qatsi-Trilogie unerreichte Anziehungskraft und Erschütterung auslösen können, sofern man die ersten 30 Minuten in einem wachen Zustand ohne Aversionen übersteht.
Und wenn das geschafft ist, dann kann man.. ja, kann man dann genießen? Eigentlich.. kann man nur in sich aufnehmen und hinterfragen.
ko.yaa.nis.katsi (from the Hopi language), n. 1. crazy life. 2. life in turmoil. 3. life disintegrating. 4. life out of balance. 5. a state of life that calls for another way of living.
“If we dig precious things from the land, we will invite disaster.”
“Near the Day of Purification, there will be cobwebs spun back and forth in the sky.”
“A container of ashes might one day be thrown from the sky which could burn the land and boil the oceans.”

so beeindruckt vom Film, dass er nochmals besprochen wird? Oder als Werbung für die neuen 11er im August? Jedenfalls wieder eine hochinteressante Auseinandersetzung mit einem zeitlosen Film! Gab es eine neue Sichtung?
Eine neue Sichtung, ein Aufholen und Abarbeiten der Vergangenheit und bei dem Gewitter, das vorhin tobte, passte das auch alles so gut
Bin gespannt auf die Reaktionen im August