We might be through with the past, but the past ain’t through with us
9 Menschen, 9 Leben, 9 Schicksale, 9 Hintergründe die mehr miteinander zu tun haben, als man anfangs denken würde. Magnolia Blvd. Wie die Blätter von Magnolien, irgendwie zu einem hübschen Ganzen verbunden, irgendwie abhängig voneinander und doch alleine, für sich stehend. So auch die Menschen, die durch den Regen trotten, sich ihren Schicksalen hingeben, denken, dass sie gerade selbst das größte Problem haben und dabei nicht bemerken, dass ihr Handeln genauso Einfluss auf Mitmenschen haben kann, Zufälle, kleine Zufälle, große Zufälle und Irrtümer, der Regen, den nicht nur Magnolien, sondern auch diese Menschen brauchen behindert zur gleichen Zeit die Sicht, macht Menschen blind und lässt sie fatale Dinge tun, die wiederum andere Momente ins Rollen bringen – bis der Kreis sich geschlossen hat, bis Magnolia seine 3 Stunden pures Miterleben von Menschen über einen ausgebreitet hat, wird man es nicht leicht haben, so schwer wird man es haben, sich für oder gegen den Film zu wenden, so schwer wie sich auch die Menschen tun, ob sie verzeihen sollen, ob sie loslassen, vertrauen oder zugreifen sollen – egal was sie tun, egal ob es regnet, es wird etwas geschehen müssen und irgendwie wird es weiterrollen.
Nicht nur eine große Geschichte über das Leben, über den Tod und über das Überwinden von Vergangenheit und Konfrontation mit einem ungetrübten Bewusstsein für das eigene Ich, das Hier und jetzt und deswegen wiederum für alle, die einem nahe stehen – egal, ob die Nähe für einen jetzt, später oder auch nie, vielleicht auch nur indirekt erkennbar sein wird. Auch eine Geschichte von Kindern und Eltern, von Vätern, die im Sterben liegen, von Söhnen, die sich losgesagt haben und Luftschlösser in Lügen erdenken, um selbst davon, von der Vergangenheit selbst eingeholt zu werden, von ehemaligen Menschen, die im Hier und Jetzt keinen Sinn mehr sehen, nicht mehr von der damals scheinbar glorreichen Vergangenheit eingeholt, nicht empfangen werden, und sich ihrer Gegenwart gegenüberstellen – mit Hilfe von Menschen, die durch Zufall da sind, doch auch wiederum durch andere Menschen und Zufälle dazu veranlasst wurden. Und Söhne, die unter ihren Vätern leiden, wo noch keine Vergangenheit in dem Sinne vorliegt, wo die Gegenwart grausam, nicht interessiert und verachtend jegliche Freude zerschlägt, wo Regen keine schützende Funktion mehr hat sondern nur für Tränen, Verzweiflung und nicht kontrollierbare Ausbrüche steht, wo die Hoffnung, sich eine Zukunft zu erkämpfen es schwer hat zu bestehen.
Verlassen, wieder aufnehmen, akzeptieren, vergeben, leugnen und sich bekennen – eine lange Liste an Dingen, die mitunter das Leben bestimmen, nicht immer einfach sind und schon gar nicht einfach sind, wenn das eigene Leben am zerbrechen ist und man mit unangenehmen Besuchen konfrontiert wird. Sucht, die Sucht als Flucht und künstlicher Regen, um ein Gefühl wie Regen auf der nackten Haut zu spüren, um Probleme wegzuspülen, fortzuspülen, damit man sie nie wieder zu Gesicht bekommt – so die eine Seite, auf der anderen Seite ein Schwimmen gegen einen reißenden Strom, ein Strom voll Ignoranz, Wut und Enttäuschung, ein Zusammenkommen beider Seiten wäre erforderlich, um den Strom zu bändigen, um den sichtnehmenden Regen erst absurd, schließlich lichter werden zu lassen und schließlich wieder vergeben, gar lieben zu können. Hoffnung, eine Sache, die im Kleinen anfangen muss, um ihre Wirkung ähnlich der Blüten vollends entfalten zu können – ein Lächeln, ein kleines, fast nicht mehr wahrnehmbares Lächeln, kein großer Schritt, nicht mal Schritte, aber immerhin ein Schritt nach vorne, vielleicht auch ein Schritt aus dem Regen heraus, dessen begrenzte Sicht vielleicht die einfache, nicht aber die bessere und wahrhaftigere Sichtweise darstellt.
3 Stunden, Philip Seymour Hoffman, Julianne Moore, selbst Tom Cruise und viele viele mehr. Musik zum Versinken, Bildsprache zum Versinken und Schauspiel zum Versinken, authentisch, ergreifend, distanziert und doch vereinnahmend – eine ständig wabernde Mischung, von der man sich nicht wirklich abwenden kann, die sich selbst und ihre Figuren ernst, nie zu ernst, nimmt und das auf so unglaubliche Weise portraitiert, was doch wirklich zählt: der Mensch. Menschen im Kontext, miteinander, alleine und dennoch verantwortlich. Von Kindern, die unter Medienausbeutung, Kalkül und Gewalt leiden, deren Probleme sich ins Alter verschleppen, Erwachsene, die Probleme mit Lügen vertuschen wollen, Erwachsene, auf dem Sterbebett, auf der Anklagebank des Lebens, im freien Fall und – natürlich – im Regen.
Und wenn wir schon bei Menschen sind, Paul Thomas Anderson hat auch There Will Be Blood auf Basis von “Oil!” erschaffen, ebenfalls ein Bollwerk von Film, jedoch sperriger, kühler und pechschwarz wie manch dargestellte Seele – man merke sich den Namen Paul Thomas Anderson. Ganz ganz unbedingt.
If you do not let them go, I will send a plague of frogs.
Von wegen “eine ständig wabernde Mischung, von der man sich nicht wirklich abwenden kann” – ich habs nur 25 Minuten ausgehalten und denke noch heute mit Schrecken an diese vergeudete Zeit zurück!
:schock: also ein Dolch ins Herz hätte den Tag angenehmer gestaltet :huch: