Wenn Jessica (Jenna Harrison) und Tom (Ben Whishaw, “Le Parfum”, I’m not There) nackt durch den Wald kriechen, sich anbrüllen und so ihren Gefühlen freien Lauf lassen, dann ist da eine gewisse Ähnlichkeit zu A Midsummer Night’s Dream von William Shakespeare, welches auch im Film eine Erwähnung findet. Jessica als Titania – wäre Tom dann nicht ihr Oberon? Doch das wäre zuviel, das wären zu große Parallelen und zu unproblematisch für diese beiden tragischen Figuren des Films “My Brother Tom”.
Tom tritt – stürzt viel mehr – schnell und unvorhersehbar in Jessicas Leben, fast so schnell wie Cupidos Pfeil einst jene Blumen traf, damit deren Nektar zum schnell wirkenden Liebestropfen werden konnte. Von einem brennendem Baum springt er in die Tiefe, nur um zu sehen, wie tief er fallen kann. Das Feuer wurde von Mitschülern gelegt, die Tom für nichts weiter als einen Spinner und Baumkuschler halten und sich so immer wieder einen Spaß machen, mit Ghettoblaster und Molotowcocktails bewaffnet durch den nahen Wald zu streifen.
2 Jugendliche, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch ein Schicksal teilen – sexueller Missbrauch. Missbraucht von Menschen, denen man eigentlich vertrauen können sollte, die Autorität und in ihrem Rahmen Macht über die Jugendlichen haben – der schmierige Lehrer Jack war nach eigener Aussage nur betrunken und hat die Kontrolle verloren und möchte das kleine Geheimnis wohlbehütet wissen – Toms Vater, oberflächlich betrachtet ein einsamer Witwer, der sich rührend um seinen Sohn kümmert, ist da keinen Deut besser. Beide sind Opfer dieser vermeintlichen Vertrauenspersonen geworden, beide wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen und beide fechten einen inneren Kampf aus. Und beide sind, das merkt man trotz aller Divergenzen, dazu bestimmt, sich näher zu kommen, nicht nur der dunklen Parallelen wegen, auch wegen ihrer selbst.
Am Anfang flüchtet Jessica noch vor Tom, muss schnell und pünktlich zu Hause auf der Matte stehen, darf keine Umwege gehen und sich schon gar nicht mit so Typen wie Tom abgeben, die sich grundlos auf den Boden fallen lassen, Schokolade einen Geschmack “wie Scheiße” nachsagen, von Bäumen springen und sich zum Großteil im Wald rumtrollen.
Es ist für beide nicht wirklich einfach, der kranke Igel, der von Jessica aufgepäppelt wird, ist viel mehr als nur ein stacheliges Tier, ist viel mehr eine Allegorie auf ihre Verletzungen und den Rückzug aus dem Leben, nicht weniger drastisch steht es um Tom, der ihr nicht mal ihren richtigen Namen verrät (“When I’m with you, I’m Tom”) und vor intimen Berührungen und Fragen flüchtet. Flucht im Sinne von Schweigen, Weglaufen oder Verhalten, das selbst die nicht ganz stromlinienförmige Jessica überfordert. Irgendwann dann, man möchte es gar nicht so genau eingrenzen, da verstehen sich die beiden, finden näher zusammen, klettern gemeinsam auf die hohen Bäume, um vor den Feuerlegern sicher zu sein, ziehen sich in eine Höhle zurück, um dort ungestört zu sein, lieben sich, verstehen sich nicht, finden wieder zusammen. Ein bisschen erinnert dieses Zusammenfinden, Trennen, erneutes Zusammenfinden an Twentynine Palms. Aber auch nur ein bisschen, denn was dort die Kommunikationsdefizite respektive die Entfremdung voneinander war, das ist hier die Problematik zweier traumatisierter Seelen, die sich nicht noch einmal verletzen lassen wollen, die keine vorschnelle Bindung eingehen wollen und die ihre erschütternde Vergangenheit am liebsten vergraben, ertränken oder vergessen würden, es jedoch nicht können, da die Wunden durch ständigen Kontakt mit den Verbrechern (nichts anderes sind sie, seien es Lehrer, Eltern oder Pfarrer mit tauben Ohren für die Probleme der Beichtenden) immer wieder aufgerissen werden.
Beide wissen noch nicht, dass sie mehr gemeinsam haben, als ihnen lieb ist. Zwar gehen sie einen “Zwillingspakt” ein, doch dessen wirkliche Bedeutung wird erst später zum Zuge kommen können, nachdem Jessica beobachtet, wie der Vater sich gerade an Tom vergehen wollte, flüchtet dieser. Nachdem so Floskeln wie “Für Immer” gefallen sind ist die neue Wunde natürlich immens. Neue Haarfarbe, neue Frisur, ein neuer Freund, Wut, Enttäuschung und laute Ravermusik umhüllt von schillernden Farben, um alles zu vergessen. Ein Wiedersehen, so wild und ungestüm wie beim ersten Mal, doch ein wenig brutaler. Und jetzt wird My Brother Tom schonungslos abrechnen, wird den Lehrer zur Rechenschaft ziehen, wird erneut in die lauten und schnellen Klangwelten eintauchen, dass die Iso-Werte der Handkamera nicht mehr hinterherkommen, wird die beiden tragischen Charakter schließlich im Akt vereinen, nur um ein Ende mit Feuer und Tod zu erreichen. Lügner. Das sagt sie immer wieder zu Tom, auch wenn sie der verlogenen Kirche den Sarg mit Toms Leiche wegzerren möchte. Lügner. Für immer, fragt sie lauthals hinaus, perverses Schwein ruft sie dem Vater entgegen, Verbrecher wettert sie dem untätigen Pfarrer und dem Vater zu, die beide nichts besseres im Sinn haben, als sie aus der Kirche zu werfen.
So wie das mit Elfen und Wäldern eben manchmal ist. Manchmal kann der Wald sprechen. Er flüstert zu Jessica. “Yes”, “Forever” – sie versucht sich im See zu ertränken. Doch.. war es nur ein Zufall, dass sich Tom eine selbstgebastelte Dornenkrone aufsetzte? War es nur ein Zufall, dass er “für sie gestorben ist” (Auch wenn sie das nicht wahr haben wollte)? War es jetzt nur ein Traum von einer Auferstehung, war es ihr Tod oder war es doch nur eine Erinnerung, die diesem gepeinigten Mädchen schließlich und endlich ein Lächeln ins Gesicht zaubert? Man kann selbst entscheiden. My Brother Tom ist da sehr offen gehalten, kommt aber schließlich mit diesem letzten Bild zur Ruhe. Dom Rotheroe hat hier etwas abgeliefert, das auf eine deprimierende Art sehr frisch daherkommt. Mögen zwar Filme wie Cloverfield und [Rec] die Handkamera für sich entdeckt und falsch eingesetzt haben, in diesem Jugend-Drama reihen sich überhellte Bilder an überhellte Bilder, die Kamera dreht sich um sich selbst und kommt nicht mehr hinterher, die grobe Körnung bei Dunkelheit und zu hellem Licht sticht in den Augen, die weißen Überblendungen, die immer wieder neue Orte und Situationen einläuten, kommen unverhofft, nie vorhersehbar und schon gar nicht regelmäßig.
Wenig Budget. Das wäre noch ein Stichwort, denn natürlich merkt man das dem Film an. Die verwendete Sony PD 150 lässt sich eben nicht mit 35mm o.a vergleichen, dafür merkt man dem Konzept aber seine Freiheit an, in 6 Wochen wurde My Brother Tom in Hertfordshire gedreht. Ein Großteil der Emotionen läuft über Close-Ups, ein Großteil der Emotionen läuft über Stille, denn mit Worten kann keiner der beiden das ausdrücken, was sie wirklich empfinden. Schon wieder drängt sich der Vergleich zur Sex-Tour Twentynine Palms auf, doch da war es nur eine plumpe Sprachbarriere, die auf die körperliche Kommunikation drängte. Die Problematik hier ist viel tiefgreifender, viel emotionaler und viel bedeutender, befinden sich doch beide in einem prägenden Alter, suchen nach Vorbildern, Leitfiguren und Gleichaltrigen.
Die unschuldige Jungfrau und der wilde Junge mit dem Hang zur Natur. Man sollte sich nicht täuschen, diese rund 100 Minuten Laufzeit können etwas länger werden, viele Perspektiven (von Bäumen herab, vom Boden hinauf) sind ungewohnt, die gesamte Erzählung wirkt rau, ungefiltert und nicht wirklich angenehm. Und genau darin liegt die filmische Stärke. Darin liegt Problem und Essenz von My Brother Tom – die unvereinbare Härte, die man selbst nicht wirklich nachempfinden kann und will, wird wie die Dornen von Toms “Krone” immer eindringlicher und tiefer hinein gestoßen. Essenz, weil dadurch ein ungewöhnlicher, schonungsloser und irgendwie anderer Film entstanden ist. Problem, weil er sich damit zum selben Außenseiter verflucht hat, wie Tom in seiner eigenen Welt – von Erfolg keine Rede, für deutsche Untertitel hat es zwar noch gereicht, nicht aber für eine Synchronisation. Ein Film aus England, den man bei Amazon.de “direkter” als bei Amazon.co.uk bekommt, von dem nicht einmal ein Eintrag in der Wikipedia existiert.
Am Ende, da stellt sich noch die Frage nach dem Warum. Tom erwähnte es auch mehrmals, niemand interessiert sich für das “Warum?” – die Ansprache der Beerdigung, die zum Fortfahrten, nicht zum Zurückblicken auffordert verneint ein Fragen nach dem “Warum?” ebenso – eine bittere Anklage an eine Erwachsenenwelt, die diese kleine, geheime Welt in Form einer Höhle zerstört hat, einen Jugendlichen in den vermeintlich freigewählten Tod trieb und Jessica den einzigen Menschen nahm, der sie wirklich verstand, verstehen hätte können. So zügellos und unbedacht manche Figuren und Aktionen auch dargestellt sein mögen (das Einwerfen der Fensterscheibe z.B), sie werden von Erwachsenen überschattet, die nicht nur ihren Pflichten nicht nachkommen, sondern auch ihre Position missbrauchen und damit Vertrauen, Selbstwertgefühl und Identität der Jugendlichen, die für immer darunter leiden werden, ihrer Kinder und Schüler und was sie nicht alles sind, zu Grabe tragen, ohne nach dem “Warum?” Wieso?” zu fragen. So wie Tom zu Grabe getragen wurde. Ihr Bruder Tom, der nicht nur ihr Bruder, sondern eigentlich sie war.
My Brother Tom – IMDB (Mehr als unterbewertet und unbeachtet, zu Unrecht)
(Entschuldigung, aber ich glaube mein hochgeladener Trailer ist ein wenig asynchron gewesen und deswegen habe ich den Code entfernt, hier die offizielle Seite, wo man sich den Trailer synchron angucken kann)







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