Cry, Baby, Cry. Cry, baby, cry, Put your finger in your eye, And tell your mother it wasn’t I.
Wenn alle Stricke reißen, wenn man die Hoffnung schon fast aufgeben möchte, dann kann man doch noch auf The Criterion Collection setzen, zählen und hoffen! Soll ja Leute gegeben haben, die 2007 auf der Berlinale dieses Schmuckstück von Film mit live gespieltem Ton begutachten durften aber.. das sind ja nie alle. Jetzt, eine Weile später hat sich die Criterion Reihe.. sagen wir mal “erbarmt” und sich für diesen Film eingesetzt, damit er nicht noch mehr übersehen wird.
Guy Maddin, der Geheimtipp aus Kanada, ist ein Regisseur, der Stil besitzt. Nicht nur Stil in dem Sinne, dass er faszinierende Bilder einzufangen weiß, er hat auch eine Gabe, sein Leben in phantastische, surreale Situationen zu transportieren, um seinen filmischen Erzählungen einen symbolischen Anstrich zu geben. So findet seine Erinnerung in 12 Kapiteln, wie sich Brand Upon the Brain! selbst beschreibt, auf einer Insel statt, wo Guys Eltern einen Leuchtturm und ein Waisenhaus leiteten. Zum einen sucht ein in die Jahre gekommener Guy Maddin diese Insel erneut auf, um dem Todeswunsch seiner Mutter nachzukommen, den Leuchtturm doch noch ein bisschen in Schuss zu bringen, bevor sie endgültig dahin scheidet. Während sich dieser Guy in der vermeintlichen Realität an die Arbeit macht scheint eines klar: mit der Vergangenheit – übrigens ein Wort, das man in diesem Film oft lesen, hören und ertragen wird – hat er noch nicht wirklich abgeschlossen, da kann er noch so viele Ebenen von Farben über die kleinen und größeren Macken streichen.
12 Jahre – 12 Kapitel – mitten auf dieser Insel, von der es kein Entkommen zu geben scheint, genauso wenig wie es kein Entkommen aus dieser Kindheit (mehr) geben wird. Guy besitzt eine größere Schwester, “Sis” (Maya Lawson), die beiden sind die einzigen Kinder mit Eltern auf dieser Insel, der Rest sind Waisenkinder, die aber trotzdem zur Arbeit getrieben werden.
Die Optik, bis auf wenige aufflackernde Bilder, in s/w gehalten ist eine Optik, die einem Fischaugenobjektiv sehr ähnelt; kreisrund der klare Ausschnitt, wo auch das meiste Licht anzutreffen ist, wo es aber auch zu Überstrahlungen neigt – die Ränder sind schwarz, undeutlich oder wie durch milchiges Glas beobachtet – allzu gut scheint sich da jemand nicht erinnern zu können. Oder zu wollen, denn was Guy Maddin da an “Kindheitserinnerungen” auf uns loslässt ist zum einen erstmal ein Produkt einer ausgeprägten, genialen und sehr skurrilen Phantasie; da werden jugendliche Detektive das ein oder andere dunkle Geheimnis um die dubiosen Eltern lüften, schwarze Messen werden im letzten Moment vereitelt und auch dem Voodookult fröhnt man etwas.
What’s a suicide attempt without a wedding?
Obwohl es Guys Erinnerungen sind, die seine Kindheit beschreiben, so werden wir doch viele andere Gestalten kennen lernen. So wie die Mutter (Gretchen Krich), die ihre Waisenschüler mit angedrohten und vorgespielten Selbstmordversuchen ermahnt, dankbar, artig und fleißig zu sein, die den Leuchtturm und ein darin sich drehendes Vehikel dazu benutzt, ihre “Kinder” und Kinder genau im Auge zu behalten (“Sie kann mit ihren Augen in und durch die Herzen der Kinder schauen, bevorzugt aber ein Fernglas”) und via Aerophone zum Essen ruft oder Guy ermahnt, schleunigst nach Hause zu rennen. (“Running/racing to please”) – kurzum, eine sehr abstruse Mutterfigur, die mehr einem Kontrollfreak gleicht. Harte Worte gegen die Waisen, die aus einem anderen Grund als Nächstenliebe bei ihr unterkommen und nahezu erdrückende over protection für Guy, tadelnde Worte und klirrende Teller für Sis.
Aber auch eine Art Vater soll es in diesem Film geben, ein Vater, der Stunde um Stunde im hauseigenen Labor verbringt, mittels Nebelhorn seine Kinder/das Essen ruft und der kein einziges Wort über den gesamten Film hinweg verliert. Ein Workaholic im wahrsten Sinne des Wortes und eine Beziehung, die dunkle Schatten vorauswerfen wird, denn der Titel “Brand Upon the Brain!” ist nicht nur Feststellung und Ausruf sondern.. naja, Familienprogramm der leicht schaurigen Art.
An awkward breakfast.
Eigentlich ein wahres Fest für freudsche Analytiker, so viele psychosexuelle Konflikte wie in diesem Film findet man selten, dann noch so symbolisch aufgearbeitet, dass es gleich für eine Klausur reichen würde. Aber Guy Maddin ist alles andere als “Schulfilm”, alles andere als pädagogisch und weit über das gezeichnete Klischee, das er jedoch immer wieder verwendet, hinausgehend. Schon allein die Idee des Aerophones und der “Wacht” auf dem Leuchtturm sind Motive, die am Anfang begeistern und sich trotz exzessiver Darbietung nie wirklich abnutzen – Kontrolle und alles im Blick haben. Jedoch nur im Überblick haben, der Blick fürs Wesentliche, das wird jeder Kamerafreund bestätigen, ist von Objektiv zu Objektiv anders und der Vorteil dieses “Telezooms” liegt auf der Hand: beschränkte, arg beschränkte Sicht, was sich wiederum auf die erzieherischen Maßnahmen und Fähigkeiten der Eltern abbilden lässt.
Guy und Sis – Geschwister und über eine neu auftauchende Person über Dreiecke verbunden. Oder waren es nicht gleich drei Dreiecke, die Guy Maddin uns präsentiert? Wendy Hale (Katherine E. Scharhon) ist “teen detective” und Guys Schwarm. Doch Sis und Wendy verstehen sich auch gut und Wendy versteht sich sogar so gut, dass sie die Rolle “Wendy” nach Hause schickt und sich als ihr eigener Bruder und ebenfalls “teen detective” Chance Hale ausgibt – Chance und Sis am Rumturteln, Guy ein wenig bedrückt über Wendys Verlust und auch ein wenig neidisch und dennoch zu seinem Held und Vorbild dem manchmal maskierten Meisterdetektiv aufblickend.
Ein weiteres Motiv, der Detektiv, der die Insel, den Leuchtturm und das Waisenhaus erkundet, so wie Guy mehr und mehr seine Erinnerungen offen legt und erkundet. Stück für Stück werden Tatsachen erläutert, Thesen aufgestellt (“Die Eltern sind Verbrecher”) und Beweise gesammelt.
Ich möchte es ja nicht sagen, die Exploitation der Waisen ist eine auf Egoismus und Oberflächlichkeit gebaute Luftburg, die irgendwie die schon nicht mehr platonisch zu nennende Beziehung der Eltern künstlich konserviert und am Leben erhält – aber wer da schon denkt, dass es genug sei, der wird von Blutrünstigkeit überrascht werden, die dank s/w nicht billig und zweckentfremdend wie in “Inside” daherkommen, dennoch durchaus horrend sind. Apropos Inside – ein Vergleich wäre auch möglich, schließlich gibt “mother” immer die Geschichte zum Besten. Die Geschichte zweier Schwestern, die auf Eigenschaften der anderen Schwester neidisch waren. Die eine war schwanger, die andere hatte schönes Haar – jede begehrte das der anderen und schon kam Guys Mutter – durch eine Schere – auf die Welt – abgehoben und nicht den Tatsachen entsprechend ist es aber dennoch eine filmische Tatsache, die das Klischee der abgedrehten (sie dreht sich wirklich, und wie sie sich dreht..) Mutter vollauf erfüllt und rechtfertigt.
It’s back to work, dead or alive!
Brand Upon the Brain! ist eine Mixtur aus Diashow, Stummfilm und sicher noch viel mehr. Ein großes Lob an die Criterion Reihe, denn 8 (ACHT!) Tonspuren enthält die DVD. Keine gewöhnlichen Tonspuren, sondern sogenannte Narrators, Englisch für Erzähler/Sprecher. Vorneweg und eigentlich die erste Wahl: die grandiose Stimme der nicht minder grandiosen Schauspielerin Isabella Rossellini, von der es auch eine Tonspur mit dem Anhängsel “Live” zu hören gibt. Man kann schon gar nicht mehr von Qualität sprechen, denn Rossellini schmettert die Wörter so passend und emotional über die Bilder hinweg, dass man sich nur fragt: wie macht die Frau das? Allein diese Tonspur lohnt sich, aber auch die zweite bietet Authentizität mit Guy Maddin himself, der auch sehr angenehm zu hören ist. Es folgen noch die Stimmen von Louis Negin, Laurie Anderson(live), John Ashbery (live), Crispin Glover(live), oben erwähnter Isabella Rossellini als Live-Format sowie Eli Wallach(live) – Tonspuren sind ja sonst nur da, um sich über misslungene Synchros zu mokieren aber hier sind es 8 verschiedene Stimmen, die den Film in acht verschiedenen Lichtern erscheinen lassen, mehr Mehrwert geht eigentlich nicht, fehlender DTS, 5.1 Klang o.ä zum Trotz!
Eine Erinnerung in 12 Kapiteln, mit sehr eigenwilligen, sehr ungelenkten aber gewollten Bildern, mit klirrendem Sound durchs Aerophone, tapsende Schritte die Treppen rauf und runter, zuknallende Türen, die aufbrausenden Wellen und die Signalhörner nicht zu vergessen – zwischendurch, dem alten Stummfilm verschrieben, immer wieder Ausrufe oder ganze Sätze, die auch zu einem Thesenpapier passen könnten, manchmal aber auch erklären, zynisch beleuchten oder Schlüsselwörter wie “the past” immer und immer wieder wiederholen. Immerhin klebt er nicht an der Vergangenheit wie die Farbe es an der maroden Wand versucht – “the new regime” – so heißt ein Kapitel. Man darf gespannt sein, man darf überrascht sein, man darf sich auch kurz ekeln und wundern oder den Kopf schütteln aber Guy Maddins Werk ist etwas, was man nicht mit anderen Filmemachern vergleichen kann, muss, will… sollte. Wenn My Winnipeg nur halb so bissig, so charakteristisch wird, dann ist er schon komplett besser als.. hm.. nein, ich sage kein böses Wort mehr über À l’intérieur, versprochen, der Vergleich hinkt eh, die Babyjagd-Geschichte hat einen ganzen Splatterfilm ruiniert, hier war sie nur ein kleiner Unterpunkt von vielen, die das gesamte Puzzle ergeben, wenn man denn von Gesamtheit sprechen mag, am Ende, in rabenschwarzer Nacht stellt sich der gespielte Protagonist nicht umsonst die Frage, ob er gehen oder bleiben soll – eine etwas düstere Ansicht darauf könnte die Frage nach dem Gehen, so hoch über den Klippen auch anders interpretieren – beruhigend, dass es dennoch weitergehen wird.
Brand Upon the Brain! – IMDB
Biographie auf Englisch, um den Menschen hinter der Kamera und seine Arbeit ein wenig nachzuvollziehen

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