Springe zum Inhalt


Blade Runner (Final Cut)

Spielzeugpuppen

Spielzeugpuppen

“More human than human” is our motto.

Wenn ich dir die Frage stellen würde, was dich ausmacht, dann würdest du vielleicht antworten: ich bin Mensch. Also bist du. Also bist du Mensch? Warum bist du Mensch und was macht dich erst zum Menschen? Du bist nach eigener Auffassung die ganze Zeit Mensch, nie etwas anderes gewesen, und auch wenn überall auf der Welt unmenschliche Dinge passieren und sich der Mensch von seinem freien Wesen entfernt oder gewaltsam entfernt wird, er ist doch noch immer das gleiche Wesen Mensch, kann aber niemals mit Bestimmtheit beantworten, ob genau das, was er da macht, ihn nun zum Menschen macht oder nicht.

Fiery the angels fell. Deep thunder rolled around their shores… burning with the fires of Orc.

Man könnte also meinen, dass es für einen Menschen einfach sei, sich selbst zu definieren, sich aus anderen Ebenen heraus zu betrachten – wäre es wirklich so einfach, dann könnte man Blade Runner nicht als Meilenstein von Cyberpunk, Sci-Fi-Genre und Kinogeschichte betiteln, dann wäre Blade Runner ein eher geradliniges Konstrukt in einer heute nicht mehr allzu fernen Zukunft mit dystopischen Elementen, angereichert mit ein bisschen Mythologie hier, ein paar biblischen Querverweisen da und einem nicht zu übersehenden Film Noir Anstrich.

It’s too bad she won’t live! But then again, who does?

Wir schreiben das Jahr 2019. Wir werden von großen Gebäuden, ausgestoßenen Flammen von Raffinerien und einem dunklen Himmel in Empfang genommen; der Kurs ist alt und eindeutig, der Mensch entwickelt seine technischen Helferlein bis zum weltlichen Exitus oder kurz davor, Fortschritt auf der einen Seite bedeutet gleichzeitig Regression und Verfall auf der anderen Seite. So mag ja alles recht hübsch aussehen, was Ridley Scott da ganz ohne Computerallmacht auf die Beine gestellt hat, doch wenn er den Blick ein bisschen schwenken lässt, wenn der tragische Rick Protagonist Deckard (Harrison Ford) durch die dauernd verregneten Straßen zieht, wenn Schmutz und Zwielicht das dominieren. Etwas ist nicht in Ordnung.
Der Dystopie folgend: Überbevölkerung, trotz Hightech keine Möglichkeit dem ansteigenden Abfall Herr zu werden, Kriminalität trotz Überwachungsstaat-Allüren an allen Ecken, ein Durchmischen aller Kulturen, das zu allem, nicht aber zu mehr Toleranz und Vielfalt geführt hat, Werbung von Coca Cola, die es also auch bis ins Jahr 2019 geschafft haben und ganz sicher schaffen werden. Und die Ataris feiern ein Comeback? Wünschenswert.

Ford und Young

Ford und Young

Diese Welt funktioniert wie schon so oft nur auf Basis eines versprochenen Garten Edens, wie schon bei Eden Log (man klicke ein paar Beiträge “nach unten”) ist die Struktur immer identisch; man verspricht den dahinvegetierenden Menschen eine bessere Welt, diesmal auf fernen Planeten (wo sich das Spiel nicht nur höchstwahrscheinlich sondern totsicher wiederholen wird). Nur.. wer erkundet diese Planeten, stellt sicher, dass der Mensch dort leben und überleben, erstmal atmen und laufen kann? Für diesen Zweck wurden die neuen Sklaven eingeführt, Replikanten. Waschechte Androiden, die aber aussehen wie Menschen, menschliche Fähigkeiten wie laufen, springen, heben bis zur Perfektion und darüber hinaus beherrschen und auch sonst sehr menschlich agieren. Menschlicher als Menschen.
Diese “neuen” “Menschen” “dürfen” also auf gefährliche Erkundungen gehen. Klar, dass bei so komplexen Konstrukten irgendwann mal etwas schiefgehen muss, der Einleitungstext von Blade Runner spricht von blutigen Massakern und der Konsequenz, dass Replikanten auf der Erde verboten seien. Für den Zweck der Beseitigung (Im O-Ton ganz herb “retirement” genannt, was man hier unter Pensionierung kennt. Einen Computer “in den Ruhestand zu versetzen” ist eine Sache, bei Computern, die anfangen menschlich zu agieren und dabei perfekt wie Menschen aussehen ist das eine andere Sache.) gibt es die Blade Runner, “Klingenläufer”, im eigentlichen Sinne Killer von menschenähnlichen Robotern, aber im Film als Polizisten bzw. deren Spezialeinheit präsentiert.

Rutger Hauer als Roy Batty

Rutger Hauer als Roy Batty

Einer von ihnen ist der oben genannte Rick Deckard, jedoch eigentlich..im Ruhestand. Aber besondere Maßnahmen erfordern besondere Blade Runner mit dem gewissen Etwas, mit Erfahrung, Abgebrühtheit und gnadenloser Konsequenz. Man kann es auch “your magic” nennen, weil es schöner klingt, wird aber keinen Zauberstaub über die Tatsache legen, dass Deckard bald mit der Pistole hantieren wird. Einige Replikanten der neueren Generation Nexus-6 haben sich gewaltsam ein Shuttle erkämpft und sind – trotz drohender Todesstrafe – auf den Weg zur Erde.
Die Frage nach dem warum ist hierbei ganz einfach, erscheint es erstmal schlichtweg bekloppt, sich Richtung Erde zu begeben, so wird die kleine Information, dass diesen Replikanten ein “fail save device” eingebaut wurde, die Sache schon etwas anders in Erscheinung treten lassen. Das Leben der Replikanten ist auf 4 Jahre begrenzt, ein anscheinend ausreichender Zeitraum, um den Schöpfern zu dienen, aber nicht genug Zeit, um eine zu starke Bindung mit eingepflanzten Erinnerungen und Gefühlen einzugehen. Diese Replikanten, die da jetzt kommen, die wollen mehr. Die wollen leben und gehen dafür quasi über Leichen.

Deckard: You’re reading a magazine. You come across a full-page nude photo of a girl.
Rachael: Is this testing whether I’m a replicant or a lesbian, Mr. Deckard?

Egal ob Blade Runner oder Replikant, beide wird es zur Tyrell-Corporation führen, welche die Replikanten erfunden und hergestellt hat. Dort wird auch Deckards femme fatale Rachael (Sean Young), eine Replikantin mit “echten” Erinnerungen von Tyrells Nichte ausgestattet, erscheinen und erst nach 100 typischen Fragen als Replikantin entlarvt. (Trotz aller Menschlichkeit, Empathie und Emotionen sind noch den Menschen vorbehalten und wenn man einen Replikanten mal zu der Beziehung zu seiner Mutter fragt..dann kommt das wohl einer groben Beleidigung gleich)
Es entwickelt sich eine nahezu unmögliche Liebesgeschichte, Replikanten sind, auch wenn sie schön sind und niemandem was Böses wollen, verboten und müssen terminiert werden – die Liebe wirft Fragen auf. Aber erst ruft der Auftrag, der zu allen erdenklichen Ecken von Los Angeles führt. Die Engel scheinen ausgeflogen, ebenso die Tiere, die es nur noch in teuren Nachbauten gibt. Schöne neue Welt, die einem dort mit Video-Telefonie, Coca Cola und Genetic engineering aufgezeigt wird.

We’re not computers, Sebastian, we’re physical.

Wie bereits erwähnt, könnte man die Frage nach der Menschlichkeit und dem menschlichen Wesen einfach so aus dem Ärmel schütteln, dann wäre Blade Runner fade. Aber so trifft man in jeder Einstellung auf etwas, das noch hinter dem eigentlichen Wesen eine weitere Bedeutung zu haben scheint. J.F. Sebastian (William Sanderson), ein “Designer” von Tyrell leidet unter einer Krankheit (Methusalemsyndrom), die ihn schneller altern lässt. Ihm bleibt so der Schritt in eine neue und bessere Welt verwehrt, er würde nicht durch die Gesundheitschecks kommen. So bleibt ihm nur ein Leben hier auf der Erde. Um ihn rum zerfällt alles, so zerfällt auch er. Sein einziger Trost sind Spielsachen, Roboter und Puppen, die allesamt heutige Standards mit ihren fließenden Bewegungen in den Schatten stellen würden. Der äußere und innere Zerfall wird durch sie zwar nicht aufgehalten, jedoch geben sie ein Gefühl von Beständigkeit und Überdauern und natürlich von Nähe, denn es ist nicht zu übersehen, dass die Menschen erhebliche Defizite im Zwischenmenschlichen besitzen. Kommunikation sucht man vergebens, die Ampel dröhnt immer wieder die gleichen Befehle “Cross now, Cross Now, Don’t Go, Don’t Go), Werbung unterhält nicht mehr sondern erschlägt, verfolgt einen regelrecht mit dem überdimensionalen Leinwänden, auf den Straßen rempelt man sich an, man beklaut sich und überall sieht man Augen. Augen, der Spiegel zur Seele, aber auch ein Zeichen von Überwachung, von wachsamer Furcht, eigentlich schon Paranoia – überall Augen. Augen, die vieles gesehen haben aber ihre Erinnerungen in 4 Jahren einfach aufgeben werden, Augen die tiefgekühlt sind, der Replikanten-Test zielt auf Augen, insbesondere Iris und Pupille ab.

Roy: We’ve got a lot in common.
Sebastian: What do you mean?
Roy: Similar problems.
Pris: Accelerated decrepitude.

Werbung

Werbung

Jedoch.. Augen kann man belügen, mit mehr Schein als Sein. Fotos. Was sind schon Fotos? Schon heute sollte sich jeder bewusst sein, dass die abgemagerten Perfekten auf den Werbetafeln und Zeitschriftencovern niemals so ausgesehen haben. Heute könnte man jeden Kopf auf jeden Körper transferieren, das Hautbild makellos gestalten und nebenbei die Haarfarbe ändern – was sind also Fotos als Beweisstücke wert? Nicht viel, es kommt nur darauf an, wie man sie dreht und wendet. Was sind Videoaufzeichnungen wert? Nicht viel, auch sie sind vor Manipulationen nicht gefeit. Blade Runner rüttelt an der Wahrheit, bzw an das, was uns Wahrheit vermitteln soll. Man kann sich auch zu jeder Zeit fragen, sind da draußen nicht noch viel mehr Replikanten, die sich nur nicht zu erkennen geben? Warum sollte gerade Deckard kein Replikant sein? Oder..ist er vielleicht gerade deswegen einer?
Es prallt so viel aufeinander, zurückgelassene Menschen, die auf der Erde ausgebeutet werden, die aber wiederum die Replikanten ausbeuten, Überwachung und Misstrauen, unmenschliche Menschen die Jagd auf Maschinen machen, die allesamt dazu neigen “menschlicher” (als Menschen?) zu werden, die Angst um die eigene Existenz, die Angst vorm Tod, auch bei Replikanten. Da trifft eine gewagte Zukunftsvision auf ein Endzeitszenario und ein Detektiv und ehemaliger Blade Runner wird zwar gerettet, aber dennoch vor den Kopf gestoßen, auf was für einer Grundlage sein Leben und das Leben von anderen Menschen beruht. Cogito ergo sum? Wenn das schon eine Maschine äußert, was hat der Mensch dann noch zu (ver)äußern?

1979 lehrte einen Ridley Scott mit dem phallisch eindringenden Alien das Fürchten. Jetzt lässt er seine Figuren fürchten, sich verfolgen, jagen und töten – gewitzt wie er mit Licht und Schatten spielt, wie er Symbol an Symbol aneinanderreiht, ohne dass es überladen oder gar bibeltreu wirken würde, wie der ganzen Geschichte thrill und sci-fi hinzugefügt worden sind und auch der theatralisch bombastische Score von Vangelis weiß einfach nur mit den Bildern zu verschmelzen anstatt sich über das Geschehen zu legen. Ganz große Musik im Abspann. Ganz großer Film. Und man könnte tagelang darüber schreiben.
Final Cut lohnt sich übrigens. 1982 merkt man dem Film in dieser Fassung quasi nicht mehr an, hinfort sind die gruseligen Artefakte und andere Späße, nichts wirkt mehr so, als ob es mit ISO 32000 aufgenommen wurde und auch die Eingangsmelodien sind im direkten Vergleich feiner abgestimmt und einfach wuchtiger. Bei 13,45€ für die Blade Runner – Final Cut Special Edition (2 DVDs) oder 48,95€ für die Blade Runner – Ultimate Collectors Edition (5 DVDs im Steelbook) würde ich mal sagen.. Meilenstein, zugreifen.

Wake up! Time to die!

Blade Runner Final Cut

Blade Runner Final Cut

PS: Jetzt habe ich doch glatt vergessen eine Verbindung zu Wall-E herzustellen. Naja okay. Wall-E für Kinder und Erwachsene, Blade Runner für Erwachsene.

Verwandte Artikel

Abgelegt in Achtung Unterhaltung, Verspohlisierend.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , .


3 Reaktionen

Stay in touch with the conversation, subscribe to the RSS feed for comments on this post.

  1. crosa sagte

    Liegt bei mir zu Hause, und ich freu mich schon drauf. :freu:

  2. juliaL49 sagte

    Mähäh, mit solchen Preisen darfst du hier nicht um dich werfen, wenn ich mir vor Jahren für noch mehr Geld (oder war es DM?) die Superduper-Edition mit Filmstreifen zugelegt habe.
    :kuh:

  3. Uwe sagte

    crosa, viel Vergnügen!

    Julia, da solltest du dich dran gewöhnen, ich bin mir sicher, irgendwann gibt es einen “Ultimate Cut”



Ein bisschen HMTL ist erlaubt

or, reply to this post via trackback.