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Free Rainer – Dein Fernseher lügt

Free Rainer - Dein Fernseher lügt

Free Rainer - Dein Fernseher lügt

Warum denn Mother?
Na wegen Alien!

Wenn geschrieben steht, dass 10 Millionen über die Ulknudeln von Popstars und Konsorten gelacht haben, dann sollte man diese Zahl mit Vorsicht genießen, Quoten sind Hochrechnungen, alles andere als ein genaues Abbild der medialen Realität und nur weil sich Millionen über Millionen über Trashformate à la Big Brother, Frauentausch und die ganzen Dinner hermachen muss das ja auch noch lange nicht heißen, dass man mit diesen Formaten dann wie die restlichen Millionen glücklich werden kann, soll, muss, wird.

Free Rainer. Dein Fernseher lügt. Deiner auch? Mit Sicherheit. Und im besagten Film spielt Moritz Bleibtreu besagten Rainer. Produzent und was natürlich auch? Genau, das Arschloch vom Dienst, Menschenhasser und Drogenjunkie. Packen wir die extra großen Schubladen aus, denn jeder andere Weg, das verblödende Medium Fernsehen zu kritisieren, wäre ja arg umständlich und könnte noch die Gefahr eines guten Films in sich bergen, den dann wieder die Konsumenten verschmähen. In 20 Minuten haben wir erfahren, was für ein rücksichtsloser Mensch das Fernsehprogramm mitbestimmt, in 20 Minuten hat er mindestens 30 Autos überholt, einen oder zwei Unfälle gebaut und 100.000+ Sinneszellen im Ohr vernichtet. “Hol dir das Super Baby” – die momentan angesagte Show, wo 3 Konkurrenten das Sperma um die Wette laufen lassen. Zwecks “geeignetem Erbgut” versteht sich. Sehr passend, gestern oder vorgestern gab es etwas zum Thema “Onlinedating mit dem biologisch passenden Partner”.. “Zeig mir deine DNA, Baby”.

Natürlich geht die wilde Autohatz und das high life mit all dem weißen Pulver nicht auf ewig so weiter. Nasenbluten hier und da, aber das macht ja nichts. Es macht erst was, als er auf Pegah (Elsa Sophie Gambard) trifft. Pegah hat ihre Eltern bei einem Autounfall verloren und wurde von ihrem Großvater aufgezogen, doch dieser nahm sich das Leben. Dreimal darf geraten werden, wer wohl für den Tod verantwortlich gemacht wird und wie ausbaldowert der Racheplan aussieht. Eins. Zwei. Drei. Volle Punktzahl bei: Rainer, der jetzt erstmal frontal gerammt wird. Krankenhaus für beide. Das dürfte so bei 30 Minuten gewesen sein. Charakterwandel im Eilverfahren, Rainer stampft mit Pegah und einem Wachmann, der der Nerd schlechthin ist, eine Untergrundorganisation aus dem Leben. Alles für das deutsche Fernsehen und den gesunden Intellekt. Das Feindbild: natürlich die bösen Quoten, die von wenigen Menschen auf das gesamte Land abgebildet werden – man wird mit Müll zugeschüttet, weil man diesen Müll ja angeblich sehen möchte, auch wenn einem keine Quotenbox ins Haus gestellt wurde.

Mit einer nicht sehr alltäglichen aber sehr emsigen Truppe aus Arbeitslosen Männern wird der Plan nach und nach umgesetzt. Quotenmanipulation, um den Müll auszusortieren und die Medienlandschaft mit so wichtigen Themenabenden wie FASSBINDER(!!!) zu informieren. An dieser Stelle hat Free Rainer für mich 10 Minuten länger gedauert, schließlich bin ich vor Lachen vom Stuhl gekippt, musste mich erheben und zurückspulen und mir die Tränen wegwischen. Fassbinder. Unsere mediale Rettung namens Fassbinder.

Noble Absichten mit weitaus weniger nobler Umsetzung. Eine eigene Box für all die cholerischen overacting Anfälle von Bleibtreu und Gregor Bloéb, der seinen Chef Maiwald spielt, wäre gut gewesen. Aber auch sonst entgleisen die emotionalen Züge gerne und häufig. So schnell wie die Gemütsschwankungen kommen und gehen, mindestens so schnell hechtet man durch die Thematik. Da bleibt kein Platz mehr für langsames und bedachtes Agieren, da spult man – wie die ach so kritisierten Trashformate – Band X ab. Böse Polizei, böser Programmchef, der erpressen will, kurzer Rückfall zum unmenschlichen Rainer der sein “Projekt” vor die Freiheit einer seiner Mitarbeiter stellt und natürlich die gammeligen Jugendlichen, “die das neue Fernsehen total behindert finden”. Free Rainer erzählt uns nichts Neues, ist aber immerhin in der Figur des Maiwalds so aufrichtig, uns das auch spüren zu lassen.

Wozu das alles? Um zu beweisen, dass Fernsehen doof macht? Pff, mal was Neues

Was danach kommt ist dann mal eine grobe, wenn auch traurige Feststellung: Der Arsch von Paris Hilton und Brad Pitt ist interessanter als Kultur.
Und kaum hat man wie durch ein Wunder den Stein ins Rollen gebracht, schon werden neue Ungleichgewichte lokalisiert. Faszinierend.

Wenn das der Weg ist, dann hat auch Marcel Reich-Ranicki nicht ganz Unrecht. Dann bleibt wohl nur der Weg über die Manipulation, um die Leute zum vermeintlichen Glück zu zwingen. Aber was, wenn man z.B. nichts von Fassbinder hält und sein Schaffen als elendiges Filmfließband (man werfe einen Blick auf seine Filmographie. Ist das Leidenschaft und Obsession oder Abarbeiten?) ansieht? Die Frage nach einem “und wenn” gibt es für Free Rainer nicht. Das Fernsehen lügt. Aber wir schaffen es nicht ab, wir diktieren einfach weiter. Eine kleine Gruppe bestimmt über das Programm, über das, was sehenswert ist. Erinnert das nicht an das Prinzip der Quotenberechnung? Willkommen am Anfang, auch wenn sich die ungleiche Gruppe jetzt an Supermarktkassen gesetzt hat und die Einkaufschips ins Visier genommen hat.

Ein Film von Hans Weingartner, “Das weiße Rauschen” und “Die fetten Jahre sind vorbei”. Schmuckes Titellied von Dodgy. Grassman aus dem Album “Homegrown”. Aber ansonsten warten wir eben auf die “brave new world”, die sogar mehrfach angesprochen wurde. Aber was nützen all die schönen Querverweise auf Alien, Taxi Driver, Brave New World[...], wenn der Film nix Eigenes, was irgendwie packen könnte, zu bieten hat und obendrein wie nahezu jeder Film, der sich und sein verwandtes Medium kritisieren möchte, in die immer wieder gleichen Fallen tappt? So engstirnig wie die Ansage von Marcel Reich-Ranicki, die nur noch durch seine verdammt produktiven “Die müssen sich mehr Mühe geben, das ist Unsinn, das ist Quatsch” Kommentare bei dieser daraus resultierenden Sendung übertroffen worden sind. Free Rainer lügt nicht, denkt aber nicht zu Ende und begibt sich auf illusionierten Boden. Und Reich-Ranicki äh.. ja.. hat sich ganz geschickt ins Licht gerückt.
Was macht es? Nicht viel, wo subjektive Wahrheit ist, da wird auch weiterhin die subjektiv eingeschätzte Lüge kursieren – ohne a kein b und ohne Trash kein Maßstab, um seine eigenen Ansprüche abzugleichen, egal ob nach oben oder unten. Anders gesagt: über was könnte man sich denn kaputtlachen, wenn nicht über den plumpen Versuch, in einer maximal 3-4 stündigen Sendung mit Aliens zu kommunizieren? Geschmäcker werden eben auseinander gehen, gefährlich wird es nur, wenn die Show zur diktierenden Stimme mutiert und es dann auch noch Menschen gibt, die das ohne Reflexion aufnehmen. Aber ansonsten? Ansonsten ist Free Rainer gar nicht so frei. Man wird ja schon von den Logos der unterstützenden Stiftungen und Vereine erschlagen. Und wie frei ist man, wenn man sich der besessenen Aufgabe hingibt, anderer Leute Sehgewohnheiten zum immer noch subjektiven Besseren zu drehen? Nichts für ungut.

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2 Reaktionen

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  1. juliaL49 sagte

    Mal wieder eloquent kritisiert :-) Den Film kann man also getrost beiseite lassen! Hätte mich sowieso extrem überwinden müssen, da ich Moritz Bleibtreu so gar nicht ausstehen kann (das ist noch viel, viel, viel schlimmer als mit Colin Farrell, der wenigstens schauspielern kann und einigermaßen gut aussieht).

  2. Uwe sagte

    :kuh:
    Den kann man sogar sehr getrost beiseite lassen

    Mag den Bleibtreu auch nicht so wirklich, aber oho, er hat es “über den Tellerrand” geschafft, Speed Racer wird hier auch nochmal auftauchen



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