
Songs From The Second Floor
Blessed be the one who sits down.
Eine ganz interessante Sache, wenn man Roy Andersson rückwärts schaut, mit dem jüngsten Gewitter bzw. dem Aufruf “Du levande/You the Living!” anfängt und es alles mit den Songs from the Second Floor enden lässt. Eine noch immer groteske und zutiefst unterkühlte Welt, die an allen erdenklichen Arten von Armut leidet.
Die Religion ist am Ende, der vermeintliche Messias, als Loser und unverkaufbares Produkt auf den Müll geworfen. Keine schlechte Idee, denn da wird er am wenigsten Schaden anrichten, fragt sich nur, was mit den Verbleibenden und Verblendeten verfahren werden soll. Das sind die Menschen, die hoch oben sitzen, sich die Kristallkugel reichen und über die Wirtschaft nachdenken, die im Anbetracht bewegender Gebäude in Panik ausbrechen und ihre Gehirne auf Sparflamme schalten, eine nach innen öffnende Tür nicht mehr aufbekommen und in ihrer wilden Unbestimmtheit ein bisschen an Monty Python erinnern. Die Reinigungskraft, zumindest eine Frau, die nicht in das Nadelstreifenschema passt, sitzt ruhig und gelassen am großen Tisch. Ja, der Tisch, Erinnerungen an einen Tisch und eine Geburtstagsfete werden wachgerüttelt, Roy Andersson befasst sich nur allzu gerne mit der schwedischen Vergangenheit, mit Sympathisanten des Naziregimes, die ihre verstaubten Symbole in Tische eingravieren lassen oder in den stillen Raum hinein ihre Parolen brüllen und – wäre es doch heute auch so einfach – auf knallharte Stille, auf eine 0,0-Reaktion treffen.

Songs from the Second Floor
Die Menschen sind am Ende, und in der chronologischen Reihenfolge bitterweise doch erst am Anfang ihreres Selbstzerstörungskurses, der Kapitalismus in Vollendung hat seine Spuren hinterlassen, blaues Blut schubst unwissende, dumm gehaltene kleine Kinder über die Klippen, in Anwesenheit von Militär und Kirche in der naiven Hoffnung, dass sie etwas zum Guten (be)kehren würden. Kein lauter Knall folgt dem Schrei, aber auch keine Veränderung. Sie sind blass, ohne Farbe, ohne Freude und können nur noch hohle Phrasen wie die Bergpredigt wiederholen (sie zumindest als Vorbild nehmen), aus dem Kontext reißen und sich gegenseitig an den Kopf werfen. Der Vater, der seinem Sohn vorwirft, es sich zu einfach zu machen, da er an der Poesie zerbrochen und verrückt geworden ist. Ein Obdachloser scheucht ein paar Ratten auf, ein anderer Mann hat sein Möbelgeschaft in Brandgesteckt zwecks Versicherungsbetrug. Möbelgeschäft? Ganz recht, das weckt die folgende Erinnerungen an den Teppichkauf aus dem jüngsten Gewitter.
Aie of so much! aie of so little! aie for them!
Aie in my room, hearing them with lenses!
Aie in my throrax, when they buy suits!
Aie of my white dirt, in its combined dregs!
Leute werden entlassen, Befehle werden erteilt und Gespräche werden geführt. Der Chef unter der Sonnenbank, wahrscheinlich den verzweifelten Versuch unternehmend, etwas gegen die unmenschliche Blässe und Farblosigkeit zu unternehmen. Langjährige Mitarbeiter werden einfach so entlassen, “da kann man nichts machen”, der Entlassene krallt sich an das Bein des Vorgesetzten und fleht um Gnade, “da kann man nix machen”. Als der Vorgesetzte den Flur verlassen hat und der soeben Entlassene allein im Flur ist knallen alle umliegenden Türen zu.
Sånger från andra våningen (Songs from the Second Floor) in Verbindung mit Du levande (Das jüngste Gewitter) sind stilistisch wie Zwillinge, lange, portraitierende Einstellungen mit dem Weitwinkel aneinandergereiht, blasse Farbtöne in Grün, Grau, Blau und Gelb, schon nicht mehr vornehm blasse Zombies ihrer selbst und alles obskure festhaltend, quasi eine Realisierung des surrealistischen Cabinet des Dr. Caligari – während ein Stau, von dem keiner weiß, woher er kommt, wie lang er ist und wann er sich auflösen wird, andauert, laufen die feinen Massen in Selbstkasteiungsprozederen auf den Straßen umher. Man wartet nur darauf, dass diese willenlos umher torkelnden Massen auf die “Lebenden” losgehen, aber man muss enttäuscht werden um die immer gleiche These vorgesetzt zu bekommen: das alles, in all ihrer Verdorbenheit, in ihrem Verfall und ihrem eigens gekochten Untergang, das sind sie, die Menschen, die Geliebten, die selig gesprochenen und die, die sich mit großartigen Kleidern schmücken, eine große Lüge in die Welt setzen und das in allerlei Richtungen als Religion verkaufen. Auf den Müll damit, auf einen Loser zu setzen und damit Reibach zu machen, das ist nicht mehr möglich.
Beloved be the one who works daily, nightly, hourly,
the one who sweats from pain or shame,
that one who goes, ordered by his hands, to the movies,
the one who pays with what he lacks,
the one who sleeps on his back,
the one who no longer recalls his childhood; beloved be
the bald one without a hat,
the just one without thorns,
the thief without roses,
the one who wears a watch and has seen God,
the one who has one honor and doesn’t fail!
Die Menschen, das allumfassende Sujet der Portraits, die haben Probleme. Die versuchen zu flüchten, stürmen in Massen und Zeitlupe einen schier endlosen Flughafen, sind aber allesamt so schwer beladen, dass sie sich nur Zentimeter für Zentimeter zum Schalter bewegen können. Golfschläger werden fallen gelassen und wieder eingesammelt. Die Mitarbeiter des Flughafens erwarten still und regungslos den zähen Ansturm, das nur ein Grollen, kein Gewitter ist. Ein Mann klemmt sich den Finger in einer Zugtür ein. Die Massen gaffen, reden beruhigend zu und von innen wird die Tür dann wieder geöffnet. Na also, war doch gar nicht so schlimm, schon erzählen allerlei fremde Menschen von ihren Geschichten. “Auch den Besten von uns kann sowas passieren” heißt es da. Ausrutschen, sich verletzten, ein Anzeichen von Schwäche und in Anbetracht dessen, dass mehr geguckt, als geholfen wird, dürfte klar werden, dass Zivilcourage verlernt wurde, dass die selektierenden Denkmuster jegliche rationale und emotionale Vernunft ausgelöscht haben.
Ein Mann wird von einem Geist seiner Vergangenheit “heimgesucht”. Schulden heißt es da. Kind, nur die alten Herren hier, die wissen alles, die haben so ziemlich alle Bücher gelesen. Da gibt es Dinge, die du nicht verstehst, nie verstehen wirst. Es kommt auf Erfahrung und das Wissen an. Dann gibt es da auch noch Dinge, die unmöglich sind, eine Ameise kann keinen Elefanten verspeisen. Das Kind wird später von der Königin von Schweden die Klippe hinunter geschubst.
Ein 100jähriger General, ein Sympathisant von Göring und den alten Flaggen, feiert in einem Krankenhaus seinen Geburtstag. Von der Bettpfanne aus hebt er den rechten Arm, in Anwesenheit seiner Kollegen, der Schwestern und anderer. Reich und alt ist dieser Mann, besitzt acht Flüsse und ganz schön viel Land. Nachts, da rüttelt er an seinem Bett, das mehr einem Käfig gleicht, und krächzt nach Hilfe.
Unglücklich blickende Menschen in der U-Bahn stimmen ein in einen Chor, der von irgendwoher ertönt. In der Kirche findet man keine Hilfe, nur die Priester klagen über ihr finanzielles Leid und das eigene Verschulden. Eine besoffene Frau lässt mehrmals verlauten, dass sie nicht mehr aufstehen kann und sinkt immer wieder an ihrem Barhocker hinunter, neben ihr kotzt der alte Mann auf die Theke und verwischt das Erbrochene. Ein kirchlich angezogener hockt dort in einem Sessel und flucht “for christ’s sake”.
Aus der Werbebranche rein in die eiskalte Kapitalismuskritik, Roy Andersson ist insofern Zeit und Blicke wert, weil er es versteht, mit ähnlichen Stilmitteln, in ähnlichen Szenarien eine nicht gerade irrelevante Geschichte vom Verfall zu erzählen. Die Geschichte ist dabei wie ein Bilderbuch, in sich wenig harmonierend und zusammenhängend, aber doch immer konsequent auf das Ziel zugeschnitten.
Ein kleines, unbequemes allegorisches Meisterwerk mit nicht gerade unwichtigen Themen, einem ganzen Haufen voller Kreuze und Fragen und selbst zu intelligent genug, sich auf einen Weckruf à la “You, the Living!” … “Wake Up!” herunterzulassen. Für Freunde des schwarzen und grotesken Humors, die nicht gleich Scheiterhaufen und Bombenpaket auspacken, wenn es etwas kritischer wird, obwohl Subversion und Anklage nicht mal die großen Anliegen von Andersson zu sein scheinen, viel zu symbolisch und zurückhaltend und am Ende eben etwas, was vor lauter Phrasenschwingerei vollends verloren gegangen ist: autonome Denkarbeit. Ja, in gewisser Weise ist Sånger från andra våningen Arbeit, man schlendert von Portrait zu Portrait und muss sich zwangsläufig seine Meinung bilden, darf mal lachen, mal schockiert sein und auch mal ein Bild der völligen Absurdität überlassen, aber am Ende des Gangs, am Ende dieses Museums da wird wahrscheinlich ein kleiner, für die Meisten unbedeutender Zettel ausgehändigt, auf dem könnte stehen: “Und was hat das mit Dir/mir zu tun?” – man weiß ja, wo diese Zettel meistens landen, vielleicht da, wo der gute Mann namens Jesus im Film auch gelandet ist, nachdem sein Marktwert trotz Geburtstag nicht zufriedenstellend war.
Ein Gedicht von einem Film. Als Wertung und Beschreibung, denn die oben eingestreuten Zitate gehen auf ein Gedicht vom peruanischen Dichter César Vallejo zurück. Irgendwie auch ein Film, der sein Grundprinzip versteht und fern von jeder narrativen Struktur Assoziationen, Gedankengänge und andere Prozesse in Gang setzt, einfach nur durch Bilder, wo im Vordergrund Dinge geschehen, im Hintergrund meistens bedrohliche Dinge geschehen und diese Bilder wiederum aneinandergefügt werden. Im wahrsten Sinne des Wortes eine eigene kleine Traumfabrik jenseits der Konventionen, da möge man über die assoziierten Alpträume hinwegsehen.
Beloved be the one who has bedbugs,
the one who wears a torn shoe in rain,
the one who keeps vigil over the corpse of bread with two matches,
the one who catches a finger in a door,
th one who doesn’t have birthdays,
the one who lost his shadow in a fire,
the animal, the one who seems a parrot,
the one who seems a man, the poor rich,
the pure miserable the poor poor!
Lars Nordh … Kalle
Stefan Larsson … Stefan
Bengt C.W. Carlsson … Lennart
Torbjörn Fahlström … Pelle Wigert
Sten Andersson … Lasse
Rolando Núñez … The foreigner
Lucio Vucina … The magician
Per Jörnelius … The sawed man
Peter Roth … Tomas
Klas-Gösta Olsson … The speechwriter
Nils-Åke Eriksson … Patient
Hanna Eriksson … Mia
Tommy Johansson … Uffe
Sture Olsson … Sven
Fredrik Sjögren … The Russian boy
Sånger från andra våningen (Songs from the Second Floor) – IMDB
Und im nächsten Leben, im nächsten Leben möchte ich auch Uffe heißen.
Sie haben geschmack Herr Uwe. Schwedisches Kino at its best.
Herr Mart, vielen Dank, auch wenn jetzt Ihre Aussage gegen diese Aussage steht :hehe:
Autch. Das war aber ein schlag ins (Sack)gesicht. Vielleicht hat das die Mutter des Regiseurs geschrieben?
Ich bleibe aber nach wie vor bei meinem Statement
Mart, aber ich dachte Mütter sind die, die Benehmen und Anstand vermitteln (sollten)? Das wäre ja dann erschreckend, obendrein weist die E-Mail auf eine Universität hin.. tjaja, manche haben ihre Emotionen wohl nicht so ganz im Griff oder reagieren allgemein allergisch auf fremde Meinungen.