The purpose of existence is..
Es gibt hier und da Filme, die sind wie eine Prüfung. Eine Prüfung, die man in Form von Ausharren mittels Geduld und Umsichtigkeit bestehen muss, um zum Ziel zu gelangen. Nicht immer ist der Weg das Ziel. Hier, bei Park Chan-wooks Film I’m a Cyborg, But That’s OK ist es der hintere Abschnitt. Nicht exakt in der Hälfte, auch nicht das letzte Drittel. Aber doch sehr spät entfaltet sich dieses besondere Machwerk, das sich völlig, aber wirklich völlig von seiner Rache-Trilogie, bestehend aus Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy & Lady Vengeance, unterscheidet.
Völlig uninteressiert, was der Zuschauer davon hält, bringen sich die Charaktere ein und ignorieren dabei jegliche organisierte Vorgehensweise. Charakter tauchen auf, schreien etwas in die Stille, rollen sich über den Boden, tragen eine Hasenmaske oder reden mit den Lichtern des Gebäudes, wo sich gänzlich alles abspielt. In der Nervenklinik hat man es mit zweierlei Gruppen zu tun. Den Doktoren und Helfern. Von denen hört man viele Anweisungen und viel Beschwichtigung. Dann wäre da noch die Gruppe der Patienten. Im Jargon eines Cyborgs würde man sagen, dass diese Menschen alle auf ihre Art und Weise kaputt sind. Kaputt in ihrer sozialen Komponente, kaputt in ihrem Essverhalten, kaputt in ihrem Erinnerungsvermögen. Cha Young-goon (Su-jeong Im) wird auch in diese Klinik eingewiesen – sie denkt, sie sei ein Cyborg. Ein Cyborg muss seine Batterien aufladen – wie man an ihren leuchtend bunten Zehen erkennen kann – ein Cyborg darf keine Nahrung zu sich nehmen, denn das würde die sensible Elektronik zerstören. Warum sie ein Cyborg ist – vielmehr warum sie denkt, einer zu sein – das steht noch lange nicht zur Debatte. Viele Minuten werden vergehen, über Schocktherapie und fragwürdigen Kooperationen (Die Essensverweigerin schließt sich mit einer Fressmaschine zusammen) und „Jeder erzählt, was ihn bedrückt“-Runden im Freien – nichts, aber auch gar nichts könnte man als Alltag definieren.

I'm a Cyborg, But That's OK
Dann wäre da auch noch Park Il-sun (K-Pop Ikone Rain, Jung Ji-hoon) – der Mann, der immerzu unsichtbar sein kann, Befindlichkeiten, Wochentage oder andere Dinge stehlen kann und als asozial abgestempelt gilt. Ein ungleiches Paar, das sich ab und an leere Blicke zuwirft, das sich auch mal vor dem Getränkeautomaten „trifft“ oder.. anderen Nonsense veranstaltet. Nonsense ist ein treffendes Wort für das, was uns die kühle Kamerahaltung präsentiert. Der Cyborg spricht mit Lichtern des Automaten und bestellt sich einen Tee. Und wartet. Und wartet. Der anscheinend unsichtbare Dieb schleicht umher, wühlt ein wenig in ihrer Tasche und bestellt ihr schließlich den Tee. Zwei Illusionen, die sich selbst zwar nicht bedingen, sich aber gegenseitig realisierbar machen. Langsam kommt der Film in Fahrt.
Das Problem: alles in diesem Haus beruht auf kranken Nerven. Kranke Nerven sind der Grund für das Verhalten, das eine Behandlung nötig macht. Doch was macht man mit einem Mädchen, das wenig spricht, sich komplett der Nahrung verweigert? consent ist ein Wort, das immer wieder in den Untertiteln auftaucht und bedeutet Einverständnis bzw. Einwilligung. Aber da niemand auf den Cyborg und seine Bedürfnisse eingeht – was auch öfters in sehr blutigen Konflikten enden wird, wobei man natürlich im Hinterkopf behalten muss, dass vieles nur im Kopf passiert – hat dieser auch wenig Motivation, das Spiel mitzuspielen. Es endet also bei den fragwürdigen, aber bewähren Methoden; Elektroschocks und Zwangsernährung durch die Nase.

I'm a Cyborg, But That's OK
Zwischen diesen Grausamkeiten steht auch immer die Frage nach the purpose of existence. Der Sinn des Lebens, der Grund, warum man auf der Erde umherwandelt. Diese Frage versucht Young-goon immer wieder zu beantworten. Manchmal erscheint (ihr) ihre Großmutter, die damals auch „abgeholt“ wurde. Immer wieder hört sie von ihr the purpose of existence is.. bis schließlich die verschiedensten Dinge passieren. Sie versteht den Rest nicht, weil sie hinter Glas liegt. Sie versteht den Rest nicht, weil ihre Großmutter von einem gelben Gummiband in den Himmel geschleudert wird(!!!).. und das waren nur einige Gründe. Die Frage bleibt also unbeantwortet. Unbeantwortet, weil es von ihr beantwortet werden muss, weil es um sie geht. Aber auch um den Dieb, der sich sehr um sie sorgt. Allzu viel mag ich nicht mehr verraten, weil die letzten Minuten wirklich goldig sind.. aber soviel ist klar; Verständnis und Vertrauen beruhen auf Empathie. Und Empathie für einen Cyborg erhält man nur, wenn man die Eigenheiten des Cyborgs annimmt. Sie kann nicht essen? Ach, das geht schon. Ein Wort genügt: rice-megatron. Was das ist, wird man erfahren.
Langsam, langsam und herantastend wird diese aufkeimende Freundschaft intimer. Intim, wie es bei einem Cyborg eben sein kann. Das ist mitunter witzig, sehr elektronisch aber auch sehr einfühlsam, weil I’m a Cyborg, But That’s OK nun – endlich möchte man seufzend äußern – nicht nur einen roten Faden, sondern einen Grund für sich liefert. Gemeinsam entschlüsseln die beiden das Geheimnis um ihre Existenz.. allein das ist zum Brüllen komisch, wenn auch alles andere als die Art von Humor, über die das gängige Publikum der Kassenschlager à la Crank 2 lachen können wird, Ausnahmen soll es natürlich geben.

I'm a Cyborg, But That's OK
I’m a Cyborg, But That’s OK fordert viel, aber gibt sehr viel zurück. Eigentlich kann man ihn mit der französischen Überdosis an Zucker, der herzlichen Amélie Poulain vergleichen. Unmögliche Liebe zweier „Menschen“, die nicht so recht ins Uhrwerk der Allgemeinheit passen, aber für sich sehr glücklich werden können. Aber wo Amélie Poulain mainstreamig, für viele unerträglich gut gelaunt und noch einfach wegzuschauen war, da streut Chan-wook Park Elemente ein, die man aus The Machine Girl kennt, scheut sich nicht, Anleihen bei Einer flog über das Kuckucksnest zu tätigen und dann ist es nebst dieser bedächtig entwickelten Romanze auch noch eine unerwartete schräge Komödie mit familiär-dramatischen Aspekten und einer großen Portion philosophischer Ansätze, die wohl dem Studium des Regisseurs geschuldet sind.
Der Ratschlag könnte einfacher nicht sein. Durchhalten, gar nicht erst versuchen, das Chaos zu ordnen und sich treiben lassen, so wie der Filmemacher seine Figuren treiben lässt. Oder sie an Batterien lecken lässt, während andere die konventionelle Methode der Energiebereitstellung bevorzugen. Oh, doch. Lohnenswert unter der Prämisse, dass man vergisst, wer hier Regie führt und dass man für einen kurzen Augenblick vergisst, dass es so viele Filme gibt, die einen artig an der Hand durch ihre Handlung führen. Ich glaube, es gehört zum guten Ton dazu, noch den Kalauer einzubringen. Alles ein bisschen strange, alles ein bisschen abgedreht und in viel Pastell und Plüsch verpackt, manchmal sogar etwas nervtötend but that’s ok. Sehr ok sogar.
Saibogujiman kwenchana (I’m a Cyborg, But That’s OK) – IMDB
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