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Русский ковчег (Russki Kowtscheg, Russian Ark – Eine einzigartige Zeitreise durch die Eremitage)

Russian Ark

Russian Ark

Mike Figgis hat es im Jahre 2000 schon mit Timecode vollbracht, 2 Jahre später folgte Alexander Sokurow mit seiner russischen Arche. Anzahl der Schnitte: 0. In Worten: Null. Null Schnitte. Das bedeutet erstmal Arbeit. Arbeit, die man dem Endprodukt zwar ansehen , aber keinesfalls komplett erahnen kann. Noch mehr Arbeit macht es dann, wenn man in engen Zeitrahmen arbeiten muss, weil der Drehort eines der prominentesten Kunstmuseen der Welt ist, weil die Steadicam nahezu einen Kilometer zurücklegen muss. Durch eine Ansammlung von über 2000 Schauspielern. In Echtzeit, ohne Ausflüchte und mit einer Detailverliebtheit in Kostüme und Beleuchtung, dass die Kinnlade ruhig zum Polieren des Parketts unten bleiben darf. Nicht zu vergessen die unermessliche Geduldsarbeit, wenn man Schnittfolgen à la Quantum of Solace für „normal“ hält.

Die russische Arche hat sich der Kunst und der Geschichte verschrieben. Die Handlung ist dabei simpel und minimal gehalten, zwei Männer sind während einer unerklärlichen Zeitreise zusammengekommen. Der eine, der sind wir und die Kamera. Von dem wissen wir recht wenig, außer, dass er der filmischen Gegenwart angehört und Russland seine Heimat nennt. Der andere Mann, immerzu die Arme hinterm Rücken verschränkend, ist Astolphe Louis Léonor, Marquis de Custine (Sergei Dontsov). Zwei Männer aus unterschiedlichen Zeiten im Winterpalast. Warum? Das wissen sie auch nicht. Aber verständigen können sie sich. Auf Russisch. Warum? Das wissen sie auch nicht. Wir übrigens auch nicht. Aber was macht das schon? Die beiden irren ein wenig umher, von Raum zu Raum. Der Erzähler respektive die schwebende Kamera wird selten bis gar nicht wahrgenommen, nur der Herr Marquis wird gerne mal aus den Räumlichkeiten gescheucht.

Russian Ark - Zarenfamilie

Russian Ark - Zarenfamilie

Ein filmisches Experiment, das gänzlich darauf verzichten möchte, worüber sich Guy Maddins Kurzfilm „The Heart Of The World“ gewissermaßen ein wenig lustig gemacht hat: filmische Montage. Anstatt dieser Schnitte gibt es fließende Bewegungen, die einem Besuch im Museum – wie passend – nicht unähnlich sind. Epochen wechseln von Raum zu Raum, namhafte Gestalten wie Katharina die Große, die letzte Zarenfamilie treten in Erscheinung. Mit den übergangslosen Zeitsprüngen wird ein Gefühl von Unterteilung emuliert, das streckenweise die Ausdauer strapaziert, aber auch sehr stilvolle Momente ermöglicht. Im oben eingebundenen Bild sehen wir die Zarin mit einem Untergebenen durch den Schnee eilen. Der Ich-Erzähler und damit die Kamera nehmen die Verfolgung auf, aber erreichen sie doch nicht. Ein wundervolles Szenario, eine Annäherung mit einer gewahrten Distanziertheit, wie sie aussagekräftiger für das Medium Film und Ort Museum nicht sein könnten.

Der Distanz geschuldet bleibt dann auch die eindimensionale Betrachtung der historischen Figuren. Mehr als Einblicke kann es da nicht geben, ein filmischer Exkurs über mehrere hundert Jahre russische Geschichte verbietet sich von selbst. So bleibt es bei einer neugierigen Entdeckungstour zweier Gestalten, die sich ab und an voneinander entfernen. Das Zusammenspiel zwischen der unsichtbaren Person und dem Marquis lässt viel Raum für sinnierende Dialoge, aber auch für bizarre Gesten und reichlich übertriebene Neugier. Der Marquis legt es wohl darauf an, aus den Räumen befördert zu werden, was sucht er mit seiner Nase auch in den sauberen Tellern der Festlichkeiten?

Russian Ark

Russian Ark

Um das letzte Quäntchen Gradlinigkeit aus der Sache zu kitzeln werden die beiden „Geister“ auch manchmal bemerkt. Von einer blinden Frau, von Matrosen, vom Personal oder von militärischen Würdenträgern. Hier und da schimmern einige Seitenhiebe durch, ein wenig in Richtung Europa, ein wenig in Richtung Russland.
Das Prinzip geht auf, wenn man von etwas unbeholfenen Momenten absieht, wo niemand so genau weiß, wer jetzt im Mittelpunkt stehen soll und der Herr Marquis immer wieder mit einer tanzen Drehung im Bild auftaucht.. nur um wieder mit der nächsten zu entschwinden. Tilman Büttner (Lola Rennt) leistet hier große Arbeit mit der Kamera, nicht minder erwähnenswert die 3 Orchester und die zuständigen Personen, die irgendwann mal irgendwie für die richtige Ausleuchtung und Dekoration der Räume gesorgt haben. Ein Mammutprojekt der experimentellen Art, das größtenteils als gelungen bezeichnet werden kann. Wenn da jetzt nicht diese Sache mit dem ironischen Trailer wäre der selbstredend ein völlig falsches Bild der russischen Arche vermittelt.

Aber den Trailer kann man ignorieren. Schwieriger wird es beim Knackpunkt Ende. Der Versuch, die Handlung wieder an die erste Geige zu setzen, ist ein nicht ganz ungefährlicher Versuch. Der nachdenkliche Ansatz über Geschichte und Kontinuität ist eine auslegbare Sache, nur irgendwie vermag da die Mischung aus Sintflut und „Museum für die Ewigkeit“ als mögliche Bestrafung zweier gänzlich passiver Figuren nicht wirklich zu zünden. Macht aber auch nichts, denn nie sah der Blick aus einer Arche heraus beruhigender und malerischer aus. Dazu noch ein, zwei Sätze von der noch immer unbekannten Figur und man hat einzig und allein die Sorge, ob man sich jetzt für die beiden freuen soll – Geschichtsunterricht mit ganz viel Prunk für lau und zeitlich unbegrenzt – oder eher Mitleid – auf einer Arche für die Ewigkeit mit historischen Exzentrikern eingesperrt – empfinden soll. Sehr verlockend wäre eine völlig von den beiden Figuren losgelöste Betrachtung.

Русский ковчег (Russki Kowtscheg, Russian Ark – Eine einzigartige Zeitreise durch die Eremitage) – IMDB

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4 Reaktionen

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  1. schlumpf sagte

    mal wieder typisch internet. wo kein porn oder privatfernsehen trash, da herrscht stille …….
    aber gut, du hast in meinen augen vortrefflich erfasst was diesen film ausmacht und auch nicht ausmacht und dafür danke ich kleinlaut

    aber laut wird mein gelächter über die sein die sich sowas entgehen lassen aber das sommermädchen 2009 soll ja auch großes fernsehen sein *g*

    aber schon traurig findest’ nicht ? so viel mühe und so wenig gutes kommt zurück … hmm und das ist ja nicht seit diesem beitrag so
    nicht mehr ganz so stille dankbarkeit und natürlich anerkennung :=)

  2. Uwe sagte

    Wo fang ich an..wo fang ich an?
    Ja, es ist stiller als anderswo. Aber was macht das schon? Sich für Kommentare verbiegen ist doch Schwachsinn. Wer authentisch sein möchte, sollte auch Lesern den Freiraum zur Stille geben. Auch stille Leser sind Leser und ich glaube ich würde nicht besser schlafen, würde alle Welt die vorgestellten Sachen kennen und wertschätzen; wobei ich mich über jede einzelne Botschaft freue, wenn man für sich ein Kleinod entdeckt hat. Für Zahlen und all das andere „bloggen“.. naja.. sieh dir an, was draus wird. Heuchelei in der man ertrinken könnte und Themenauswahl, die einer Fernsehzeitschrift nicht unähnlich ist. Dafür lese ich dieses Medium doch nicht..

    Sommermädchen 2009? Gestern. 2 Minuten. Da konnte eine nicht beim Turmspringen mitmachen, weil sie Angst um ihre Oberweite hatte. Mehr wirst du dazu hier erstmal nicht lesen, glaube ich. ;)

    Ist auch kein Grund traurig zu sein. Das ging in der Anfangszeit auch ohne Kommentare, das würde auch weiterhin so weitergehen, es könnte auch ohne Kommentare weitergehen. Verstehe sowieso nicht, wie man mit der Motivation „möglichst viel Feedback zu erhalten und möglichst viele Stimmen einzufangen“ anfangen konnte, das ist unnötiger Druck und Stress, das ist alles andere als eine freudige Angelegenheit und mit Verlaub.. man merkt es einfach, wenn Persönlichkeit und Freude hinter der Hatz nach Zahlen verschwinden, da brauch sich niemand was vormachen.
    So isser, der virtuelle Spiegel der Gesellschaft.. (huuuuh) :)

  3. Uli sagte

    Hallo Uwe, gehöre zu den wenigen wohl, die den Film sogar im Kino gesehen haben (in Canada, weil der hier, soweit ich weiß, nie lief), aber … ich fand den sehr verwirrend, nur experimentell, aber nicht gut genug für meinen Geschmack, um, ja, “zufrieden” zu sein. Tut mir Leid! Aber schön, mal wieder von dem Film zu hören, der irgendwie total untergegangen ist! Aber dafür ist “The Fall” auf Blu-Ray eingetroffen und harrt der Besichtigung! Das war ein Insider.

  4. Uwe sagte

    Uli, sehr gut möglich, dass Deutschland sich der Experimente verwehrt hat. (Schade, wie diese Menschenansammlungen wohl auf großer Leinwand gewirkt hätten)
    Die Arche macht es einem aber auch nicht einfach, will Film-Experiment im Schnitt, Geschichtsstunde im Museum und nachdenkliches “Ewigkeits”-Momentum sein, dazu noch eine Prise Philosophie in den Dialogen und ein streitendes Duo, an allen Fronten wird mal mehr, mal weniger faszinierend gekämpft und am Ende.. naja.. wirklich nett aber eine bevorzugte Richtung hätte dem Ganzen auf jeden Fall mehr zugetan.

    von dem Film zu hören, der irgendwie total untergegangen ist

    und das bei einem Film, der sich Arche nennt. :)

    Aber dafür ist “The Fall” auf Blu-Ray eingetroffen und harrt der Besichtigung! Das war ein Insider.

    Auuuuuusgezeichnet!



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