Es gibt ein untrügliches Maß für die Zuneigung: die Zeit, die man ihr widmet.

Ink
Jamin Winans hat mit „Ink“ ein durchaus ansprechendes Märchen geschaffen, das mit relativ wenig Budget, eher unbekannten Schauspielern und ansonsten wenig Mitteln ein Höchstmaß an Geschichte und Feeling transportiert, wenn man sich nur ein wenig auf die Eigenarten einstellt.
Die achtjährige Emma (Quinn Hunchar) fällt ins Koma, ihr Vater John (Chris Kelly) hantiert mit großen Geldsummen und noch mehr Verantwortung und ist dementsprechend beschäftigt. Soweit die reale Welt. In einer anderen Welt wird Emma von dem vermummten Wesen Ink entführt, doch damit nicht genug: ein klassischer Konflikt zwischen Gut und Böse schwebt über dieser Entführung. Auf der guten Seite die Menschen, sogenannte „storyteller“, verantwortlich für den friedlichen Schlaf und die guten Träume, auf der anderen Seite die digitale Ausführung von Pinhead, auch Incubi genannt und logischerweise für Albträume und andere fiese Sachen zuständig.
Klassisch, vielleicht auch ein bisschen altbacken, so mag man diese Handlung charakterisieren. Und wahrlich, große Überraschungen wird es zugegebenermaßen nicht geben, dennoch weiß Ink sehr gekonnt Sympathiepunkte zu sammeln. Allen voran der wirklich bombastisch gute Score, der Klavier und Synthesizer zu klanglichen Höchstformen ermuntert. Dicht gefolgt von einer eigenwillig überstrahlten Optik, die alles vorhandene Licht hoffnungslos in grelles Weiß verwandelt und dunklere Ecken umso kontrastreicher darstellt; ein verunstalteter Ink, für dessen Maske meines Erachtens ruhig ein paar Dollar mehr hätten springen können und ein ein Ensemble von nicht allzu sehr bekannten Schauspielern und Schauspielerinnen, die in dieser low budget Welt dennoch sehr spannungsgeladen prügeln, rennen und der Geschichte, wenn auch in Ermangelung eigener Kontexte, den nötigen Drift geben.
Bei alledem darf man keine Wunder erwarten, wenn es zu Kämpfen kommt, dann wird zwar auch ansehnlich geprügelt und nette Effekte lassen zerbrochene Tische sich selbst reparieren, doch mit filmischen Artgenossen, deren Budget in Millionen gezählt wird, sollte man das alles wahrlich nicht messen. Dennoch ist es beachtlich, wie gut die Effekte dafür wirken, dass „nur 250000 Dollar“ zur Verfügung standen. Zeitreise, Teleport, alles kein Problem und galant mit Kamera, Licht und anderen Kleinigkeiten gelöst.
Spoiler Anfang
Auch in puncto actiongeladene Spannung sollte man keine Höhenflüge erwarten, obwohl es hier um eine Entführung in einer Parallelwelt geht und das Leben der kleinen Emma in der Realität auf dem Spiel zu stehen scheint. Doch Ink ist auch nicht sonderlich erpicht darauf mit möglichst wenig Aufwand den bestmöglichen Actionstreifen abzugeben, mehr Hauptaugenmerk sollte auf den Subtext der Geschichte gelegt werden und siehe da, man könnte schon sehr gut damit anfangen sich zu fragen, warum Ink eigentlich Ink heißt. Ink, Englisch für Tinte, könnte man erstmal als abgewandelte Form von Incubus (die männliche Variante der Succubus) stehen, könnte für einen charakterlichen Platzhalter stehen, denn wie man noch aus Schulzeiten weiß, lässt sich Tinte wunderbar „löschen“ respektive „killen“ – mit Tinte wird etwas niedergeschrieben, aber auch ein Stückchen Papier wird durch die Tinte verdeckt – in Zusammenhang mit dem Platzhalter könnte man sich fragen, wer Ink denn nun wirklich ist? Wahrlich, man muss kein Meisterdetektiv sein, um nach einigen Minuten auf die Lösung zu kommen und schnell schließt sich der Kreis, wenn man an den Anfang von Ink denkt, der eigentlich mit einer Frage und einem Autounfall beginnt. Spoiler Ende
Ink wird ganz bestimmt nicht jedermann gefallen. Nicht allen wird die Lösung der zahlreichen „Zeitfenster“, die einander chaotisch bedingen, ausschließen und ignorieren schmecken und ganz bestimmt wird es auch für viele ein Problem der billig wirkenden Optik, allen voran Inks „Maske“ und dem Dauerzustand der Überstrahlung geben.
Sei es drum. Diese Opfer müssen hier gemacht werden, wenn es zugunsten einer erfrischenden Inszenierung geschieht. Erfrischend ist auch Jeremy Makes Rolle des eigensinnigen „pathfinder“ Jacob, ein rotzfrecher Zähler, Musiker und Katastrophenbeschwörer in einem, der den Geschichtenerzählern mit seinen Fähigkeiten beistehen soll, jedoch auch immer wieder eine schnippische Bemerkung einwirft und völlig gegensätzlich daher redet, wie man es von den anderen, noblen Helden gewohnt ist.
Ink ist für sich gesehen ein kleines Feuerwerk der Eindrücke, so als wenn Momo zu dem Score aus Sunshine mit Tomas Katz durch die Matrix hechten würden und dabei einem Agenten Smith mit Brett Bildschirm vor dem Kopf zur Strecke bringen müssten. An und für sich wunderbar, dieses Chaos an Elementen, das eigentlich gradliniger nicht sein könnte.
Trailer #2 (Sehr gut gelungen.)
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