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Mary & Max oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet?

Vom Schicksal geknetet

Mary and Max

Mary and Max

When I was young, I invented an invisible friend called Mr Ravioli. My psychiatrist says I don’t need him anymore, so he just sits in the corner and reads.

Es sind doch nur Knetfiguren. Leblose, seelenlose Knetfiguren, die in mühseliger Arbeit bewegt wurden, um – als Endprodukt von 90 Minuten – selbst zu bewegen, wie man es kaum für möglich halten sollte. Innerlich so sehr zu bewegen, dass man sich wirklich die Frage stellen muss: was haben diese Knetfiguren, was andere menschliche Vertreter nicht haben? Was macht es so unheimlich einfach, Empathie für Mary & Max zu besitzen? Ich würde sagen: Tiefe. Es geht um die Tiefe der Geschichte, um die Tiefe der menschlichen Gedankenwelt, um die Tiefe wie man sie von einem Stimmungstief her kennt, es geht um eine zutiefst humane Eigenheiten – nur eben mit Knetfiguren, Knethäusern, Knetschokoladentafeln und was es sonst noch alles in dieser von Adam Elliot entworfenen Welt gibt.
Kraftlose Erdfarben und Brauntöne für einen australischen Vorort, kontrastreiche s/w-Bilder für New York – was vereint diese beiden weit voneinander entfernten Orte? Mary. Und Max. Mary Daisy Dinkle ist 8 Jahre alt, besitzt ein braunes Muttermal auf der Stirn und wird u.a deswegen gehänselt, hat eine alkoholabhängige, kleptomanisch veranlagte Mutter die sie immer wieder daran erinnert, dass sie ein Unfall gewesen ist und der im Teegewerbe tätige Herr Papa, der lieber Tiere im Schuppen ausstopft, statt sich um seine Tochter zu kümmern. Mary liebt Schokolade, liebt ihre Cartoonserie und ist überfordert. Viele Fragen schwirren in ihrem Kopf umher, doch niemand ist für sie da, niemand gibt ihr eine Antwort, einen Ratschlag, überall lauern nur Demütigungen und Rückschläge auf sie – manchmal weint sie, manchmal träumt sie von ihrer Hochzeit mit einem gewissen Earl Grey..

Max Jerry Horovitz hingegen ist 44 Jahre, lebt allein in New York und.. ja, er versucht sein Leben zu leben. Der stark übergewichtige Max liebt Schokolade, wurde vom jüdischen Glauben ebenso enttäuscht wie von seinen Mitmenschen, die er einfach nicht versteht. Er leidet am Tourette-Syndrom, kann menschliche Gefühle und Gesichtsausdrücke nicht miteinander vereinbaren und erkennen, sein Therapeut gibt ihm Ratschläge, die aber mitunter nicht wirklich hilfreich für ihn sind.

Was eint diese beiden Figuren? Eine Brieffreundschaft, die durch Zufall entstanden ist. Da Mary keine Antworten von ihrem Umfeld erhält, schreibt sie zufällig einem Menschen, der im New Yorker Telefonbuch aufgelistet ist. Sie erzählt von sich, dass sie alleine ist, keine Freunde hat, sie fragt sich, ob in Amerika die Babys wirklich in Coladosen gefunden werden statt in Biergläsern, sie malt ein Bild von sich und schreibt in großer, schiefer Kinderschrift auf alles, was nach Papier aussieht. Max erhält ihren Brief, alte Erinnerungen werden aufgeweckt, Panik- und Angstattacken plagen ihn. Er überlegt, ob er antworten soll. Schließlich überwindet er sich, der Gang an die Schreibmaschine und die Benutzung der selbigen: man kann es kaum fassen, aber dieser aktive Prozess des Schreibens ist gewaltig – schon hier wird aus einer vermeintlichen Kleinigkeit ein temporeicher Akt der Selbstüberwindung, der alle festgefahrenen Verhaltensmuster aufzubrechen scheint.

Es wäre zu schön, wäre es immer so einfach. Auch diese untypische Brieffreundschaft wird einige Hiebe einstecken müssen. Missverständnisse, hochkommende Erinnerungen, Schicksalsschläge – es ist das pure Leben, so pur und ungenießbar, dass es einfach nur noch unüberwindbar grausam und unfair erscheint.. aber immerzu weiß Erzähler Barry Humphries (mit Verlaub: perfekt!) eine trockene Randbemerkung, ein in Lakonie und Nüchternheit ersaufender Lichtblick, der doch wieder nur eine Tür in ein noch tiefer gelegenes Verließ aufgestoßen hat. Dennoch, der Humor kommt nicht zu kurz. Mit viel Detailverliebtheit gibt es noch unzählige Nebenfiguren, unzählige Kleinigkeiten zu entdecken – wiederkehrende Elemente wie z.B. die Selbsthilfebücher, die Max’ imaginärer Freund Mr Ravioli in seiner Ecke liest, die Beschriftung eines Zettels, der einer Obdachlosen gehört, die Berufsbezeichnung des Therapeuten – es variiert und sprudelt förmlich vor absurden Ideen, egal wo hin man schaut.

Was bleibt ist ein bleibender Eindruck. Mary & Max ist ein Alptraum für die gute Stimmung und Befindlichkeit, aber einfach traumhaft in Szene gesetzt, traumhaft in Knete verwirklicht und ganz ganz bezaubernd vertont – man kennt sie ja, diese Stücke namens A Swingin’ Safari und Que Sera Sera – aber nachdem man sie in Mary & Max erlebt hat, wird man sie mit völlig anderen Ohren und verknüpften Emotionen wahrnehmen. Lebensratschläge, vorgelebt von Knetfiguren: erst sich selbst überwinden, um schließlich gemeinsam etwas zu überwinden – sei es die eigene Vergangenheit, der eigene Lottogewinn, die eigene Erkrankung, das eigene Schicksal – danke Herr Elliot, für einen (be)greifbaren Film wie diesen.

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2 Reaktionen

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  1. Jan.Profan sagte

    Eigentlich hast Du auch ein ziemlich cooles Theme, wenn ich das mal so sagen darf :-)

  2. Paul sagte

    Moin Uwe,

    war ja klar das du den Film gesehene hast, wir haben einen identischen Geschmack würdest du sagen. Aber ich sehe das anders, du stalkst mich insgeheime und beschaffst dir so Insiderwissen.

    Mein persönlicher genialster Gag im Film:
    Ich bin O.K.! Sie sind der Amokläufer!!! XD



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